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Kunstausstellung : Lauter aufgeregte Flächen

In Düsseldorf will die spektakuläre Ausstellung „Le grand geste!“ die abstrakte Malerei wieder unter die Leute bringen. Die Erklärung dafür, warum das nötig ist, bleibt sie allerdings schuldig.

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          Von 1946 bis 1964 ist der Bogen dieser Ausstellung gespannt, die sich der Kunst in Deutschland, Frankreich und Amerika widmet - vom ersten Nachkriegsjahr also bis zum vitalen Ausbruch der Pop-Art. Das erste Datum ist Europa geschuldet und seinen Traumata: Die deutschen Künstler sahen dort keine Chance mehr in der Gegenständlichkeit, sie suchten einen Ausweg in die ausgestülpte Innerlichkeit, notwendig in die Abstraktion, aber zugleich wendeten sie sich gegen deren bis dahin gültige strenge Vorgaben. In Frankreich hatte bereits 1944 ein Jean Dubuffet seine erste Einzelausstellung, der sich mit seinen Materialbildern voller Sand und Verkrustungen auf die Seite der Primitiven, der Außenseiter und Irren stellte, um ein neues Sehen zu erzwingen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Amerika hatte es, schon deutlich früher, da wieder einmal besser. Der Großmeister der Formauflösung Willem de Kooning war längst unterwegs; seit 1943 stand Jackson Pollock, der Mann, der Farbe ohne Bildrand, Sinn und Verstand nur noch auf die Fläche tropfen ließ, in der New Yorker Galerie von Peggy Guggenheim unter Vertrag. Guggenheim war damals mit dem Surrealisten Max Ernst verheiratet, der mit ihr nach Amerika gekommen war; das ist nur eine der subkutanen Synapsen zwischen Alter und Neuer Welt.

          Abstrakte Überwältigung

          Bloß nichts Gemaltes mehr, nichts Gegenständliches! Das war hüben wie drüben die zeitgeistige Devise. Bleibt nur anzumerken, dass bereits 1951 der junge Robert Rauschenberg, der wenig später einer der Vorbereiter und Protagonisten des Pop werden sollte, seine berühmt gewordene Ausradierung einer Zeichnung von de Kooning, mit dessen Einverständnis, vornahm; da stand der amerikanische Abstrakte Expressionismus in voller Blüte. „Le grand geste!“ heißt die Ausstellung im Museum Kunst Palast auf gut Französisch, in der Sprache der Diplomatie. Sie will endlich unter der Rubrik der großen Geste die Gesamtschau eines Phänomens sein, das unter vielen verschiedenen Namen zu einer universalen Haltung zusammenfloss: Tachismus und Informel, lyrische Abstraktion und Abstrakter Expressionismus, All-Over oder Dripping - weltweit eben. Dass bei einem solchen Anspruch die eher Vergrübelten, wie der Deutsche Wols, zurückgedrängt werden von den Starken, Kraftvollen, kann von vornherein nicht verwundern.

          Die Kuratoren Kay Heymer und Susanne Rennert haben sämtliche Namen zusammengebracht, die sich unter dem Dach des Gestischen versammeln lassen. Werke von fünfzig Künstlern, teils echte Wandfüller, sind aufgeboten - und können doch oftmals keine wirkliche Evidenz schaffen für ihre Auswahl. Schon gar nicht für diejenigen im Publikum, denen die ausladenden und verinnerlichten, die selbstgefälligen und die leidenden, die befreiten und die suchenden Gesten fremd sind, weil diese aus Zeiten herüberragen, die sie nicht mehr kennen und von denen sie höchstens wissen, dass sie für Jahre nicht auf der Liste der Moden standen. Die Documenta II von 1959, Dreh- und Angelpunkt dieser Ausstellung, ist als Mekka der abstrakten Internationale den meisten gar nicht mehr präsent, sondern bloß noch eine Behauptung. Tatsächlich herrscht im großen zweiten Saal der Ausstellung schiere Überwältigungsästhetik. Fragen nach Haltungen oder Attitüden erübrigen sich dort, die Unterschiede zwischen Europa und Amerika kommen beinah zu Verschwinden, weil sich reine Malerei genießen lässt in Prachtexemplaren: Helen Frankenthaler und Emilio Vedova, Cy Twombly und Peter Brüning begegnen sich auf Augenhöhe, Jackson Pollock kann den kapitalen Auftritt von K.O. Götz nicht beeinträchtigen, Franz Kline und Emil Schumacher sind Ebenbürtige. Das hat Kraft und ist eine Augenweide - aber kein Beitrag zur Klärung der Lage. Ein nicht geringer Nebeneffekt dieses auftrumpfenden Schau-Raums liegt darin, dass die anderen Bilder, allen voran die der leiseren introvertierten Europäer, in einem Hintereinander vielfältig erregter Flächen zu verschwimmen drohen. Niemals ist Belehrenwollen das Heil einer Ausstellung, aber an die Wände geschriebene Pathos-Formeln der frühen Jahre sind dem Verständnis eher abträglich.

          Farbige Ratlosigkeit

          Als die Stuttgarter Staatsgalerie vor gut einem Jahr Grafik des deutschen Informel in einer Kabinettausstellung präsentierte (F.A.Z. vom 17. März 2009), war damit ein Fenster wieder aufgemacht, hin zu den deutschen Protagonisten einer verdrängten, sogar verleumdeten Kunst. In Düsseldorf ist eine Tür aufgerissen für rund 200 Werke, mit denen gleichsam global ins Haus gefallen wird. Lediglich oben im zweiten Stock sind, einigermaßen zusammengedrängt, fast verschämt Zeugnisse auch kaum bekannter Vorgänger und Begleitfiguren ausgebreitet, einem Alibi gleich für die im Hauptteil versäumte Plausibilisierung. „Le grand geste!“ bleibt im Ganzen eine sehenswerte Veranstaltung, jedoch vor allem für diejenigen, denen ohnehin die historischen Hintergründe, die verschlungenen Zusammenhänge und Gruppenbildungen zwischen den Künstlern bekannt sind. Sie stehen verständnisvoll in einem Panoptikum verflüssigter Identitäten und Umrisse, schrundiger Oberflächen und, das nicht zuletzt, selbstgefälligen Raumgreifens. Dort steht allerdings das restliche Publikum auch, eher ratlos. Le grand geste! Informel und Abstrakter Expressionismus 1946 - 1964. Im Museum Kunst Palast in Düsseldorf, bis 1. August. Der Katalog, erschienen im Dumont Verlag, kostet 39,90 Euro.

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