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„High Society“ in Amsterdam : Das Schimmern der Farbe Schwarz

  • -Aktualisiert am

Nur die Reichen und Schönen konnten sich dieses Format leisten: Das Rijksmuseum in Amsterdam feiert die hohe Kunst des Ganzkörperporträts.

          4 Min.

          Zwei Orden rahmen diese Ausstellung. Der eine hängt am Hals Kaiser Karls des Fünften auf dem Porträt Jakob Seiseneggers von 1532. Es ist der Orden vom Goldenen Vlies, der von den Burgunderherzögen auf die Habsburger überging und den Adel der Neuzeit mit der Sagenwelt der Argonauten verbindet. Den zweiten Orden trägt Anna de Noailles auf dem Gemälde von Kees van Dongen, das fast genau vierhundert Jahre nach Seiseneggers Bild entstand. Die Comtesse, eine bekannte Lyrikerin und Salondame ihrer Zeit, war die erste Frau, die zum Kommandeur der französischen Ehrenlegion ernannt wurde. 1931 war sie bereits schwer krank – sie starb zwei Jahre später –, so dass die Schauspielerin Arletty an ihrer Stelle posierte. Van Dongen aber malt ihren Triumph über den Tod. Die goldene Offiziersrosette trägt die Comtesse an einem roten Halsband auf nackter Haut. Das silberne Satinkleid, das in weichen Wellen auf den Boden fällt, lässt den Ansatz einer Brust sehen. Das Gesicht ist alterslos schön, die Augen blicken am Betrachter vorbei in die Ferne jenseits des Bildraums.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In gelungenen Porträts kreuzt sich die Individualität der Porträtierten mit dem künstlerischen Eigensinn des Malers. Im Fall der 39 Ganzkörperbildnisse, die das Amsterdamer Rijksmuseum in seiner Ausstellung „High Society“ zeigt, kommt noch ein dritter Faktor ins Spiel. Durch die hohen Kosten – im Paris der Belle Epoque bis zu vierzigtausend Francs, der Preis einer Stadtvilla, zu Zeiten Rembrandts etwa die Hälfte – war das Format von Anfang an ein Reservat der Reichen und Mächtigen. Dabei stellte das Bild die Bedeutung, die es bekräftigen sollte, oft überhaupt erst her.

          Kein Mann ohne Stichwaffe

          Holbeins berühmtes Doppelbildnis der französischen Gesandten in London, das hier nicht zu sehen ist, entstand ein Jahr nach Seiseneggers Kaiserporträt. Auch der Adlige, den Moretto da Brescia 1526 mit Degen, Barett und Handschuh, an einer Säule lehnend, zeigt, war kein regierender Fürst. Eine beinahe bürgerliche Aura umgibt Veroneses Bildnisse von Livia und Iseppo da Porto, einem Stadtpatrizierpaar aus Vicenza, mit ihren Kindern. Die Contessa drückt ihre Tochter, der Conte seinen ältesten Sohn mit einer besitzergreifenden Zärtlichkeit an sich, die der Maler in der subtilen Ähnlichkeit der Gesichter spiegelt. Aber auch hier dürfen Degen und Handschuh, Perlenkette, Zobelpelz und Hermelin nicht fehlen. Noch bis zu den Aristokraten bei Gainsborough gilt, dass kein Mann ohne Stichwaffe, keine Frau ohne Halsschmuck auf die Bühne des Genres tritt.

          In England erlebt das Ganzkörperporträt, das südlich der Alpen die Ausnahme bleibt, eine Blüte. Die Earls von Surrey und Dorset, der Duke of Hamilton und der aus dem Hause Stuart stammende Lord George d’Aubigny geben sich in der Ausstellung gleichsam den Degen in die Hand. Dabei liegt gerade über den prunkvollsten Arrangements ein Hauch von Tod – wie bei Henry Howard of Surrey, dem Cousin von Anne Boleyn, der wie ein neunundzwanzigjähriger Greis unter dem Torbogen voller Putten und Wappen steht, den ein italienischer Maler für ihn konstruiert hat. Surrey wurde auf Befehl Heinrichs VIII. geköpft; den Duke of Hamilton, den Daniel Mytens mit Sporenstiefeln und Silberwams zeigt, ließ Cromwell enthaupten, während der Söldnerführer Thomas Lee, der auf Marcus Gheeraerts’ Bild mit Prunkharnisch und nackten Beinen erscheint, als Teilnehmer der Verschwörung des Earl of Essex gegen Elisabeth I. sein Leben ließ.

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