https://www.faz.net/-gqz-9tqdn

Kunstschau in Sankt Petersburg : Wie der totalitäre Staat seine Starkünstler zerbrach

  • -Aktualisiert am

Maler des neuen Menschen: Die Petersburger Manege führt das Werk von Alexander Dejneka und Alexander Samochwalow zusammen, den beiden großen figürlichen Malern der Sowjetepoche.

          3 Min.

          In der Petersburger Manege ist derzeit eine prachtvolle Doppelausstellung zu sehen. Die zwei großen figürlichen Maler der Sowjetepoche, Alexander Dejneka und Alexander Samochwalow, werden mit ihrem Lebenswerk, darunter viele Bilder aus entlegenen Provinzmuseen und aus Privatsammlungen, vorgestellt und miteinander enggeführt. Die Künstler verbindet nicht nur ihre Zeitgenossenschaft. Beide entstammen der Provinz – Dejneka zog aus dem südrussischen Kursk nach Moskau, Samochwalow ging aus dem Dorf Beschezk bei Twer nach Leningrad –, beide verliehen dem heroischen neuen Sowjetmenschen visionäre Gestalt, beide wurden vom System zum Star aufgebaut, dann aber auch gebrochen. Das ist besonders bei dem international weniger bekannten Samochwalow (1894 bis 1971) offensichtlich, der als Schüler von Kusma Petrow-Wodkin sich wie dieser für die italienische Frührenaissance und altrussische Fresken begeisterte. In den zwanziger Jahren entstanden Temperagemälde wie die „Kieselsammler“ oder „Mädchen mit Apfel“, bei denen monumentale, weiß gehöhte Figuren und transparent leuchtende Farben auf durchscheinender Leinwandstruktur zugleich alte Wandmalereien evozieren. Die teilentblößten Badenden, die er im Freskostil für sein Projekt „Freude des Lebens“ entwarf, wurden von seinen Malerkollegen freilich als zu „niedrig und illustrativ“ kritisiert, so dass er das Bild nicht vollendete.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ein Spitzenwerk ist die „Straßenbahnschaffnerin“ aus dem Jahr 1928, worin Samochwalow für die proletarische Heldin des technologischen Aufbruchs eine futuristisch-sakrale Ikonographie erfand. Die schlichte Frau erscheint wie die mächtige Statue einer Göttin, die über die Elektrizität gebietet, die einst nur Zeus oder dem Propheten Elias zu Diensten war. Der grüne Funkenschein, dessen Farbnuance sich auch dadurch erklärt, dass die Stromkabel aus Kupfer waren, erleuchtet sie wie unerschaffenes Licht. Berühmt wurde Samochwalow in den dreißiger Jahren durch seine Metro-Erbauerinnen, muskulöse, mit Verve den Presslufthammer oder die Hebewinde traktierende Arbeiterinnen, die bald an furiose Mänaden erinnern, bald wie die Venus dastehen. Samochwalow wechselt zur Ölmalerei, die Farben werden schwerer, und seine Figuren verlieren den gläubig ins Jenseits gerichteten Blick. Auf dem vielfigurigen Großformat der Parade der Amateursportler vor dem Leningrader Parteichef Sergej Kirow lässt er junge Frauen dem politischen Führer in verliebter Ekstase zujubeln. Das Gemälde, entstanden 1935, nach der Ermordung Kirows, markiert dessen von Stalin sanktionierten Kult und ist ein Musterbeispiel totalitärer Kunst. Im Alter bekehrte Samochwalow sich zu einem biederen Realismus und erblickte in seinem visionären Frühwerk nur noch „formalistische“ Verirrungen.

          Etwas besser erging es Alexander Dejneka (1899 bis 1969), von dem in Petersburg auch ein unbekanntes rabenschwarzes Bildnis eines Bergarbeiters aus amerikanischem Privatbesitz zu bewundern ist. Auch der vielgereiste Dejneka verherrlichte den neuen sowjetischen Menschen, ließ sich dabei jedoch vor allem von den dynamischen perspektivischen Diagonalen und den Schwarzweiß-Kontrasten des Films sowie von den Symbolkörpern eines Ferdinand Hodler, aber auch der Erregungsästhetik des deutschen Expressionismus inspirieren. Dejneka, selbst ein leidenschaftlicher Boxer und Fußballer, verherrlichte Zustände extremer Anspannung, ob bei der Arbeit oder beim Sport, er vermochte, Personen durch ihre Körperhaltung statt psychologisch zu charakterisieren. Die barfüßigen Weberinnen, die in einer metallisch ornamentierten Fabrikhalle Fäden spinnen, wirken wie kundige Raumschifffahrerinnen, vor deren Fenster noch Kühe der alten Welt spazieren gehen. Ein Schlüsselwerk ist die „Verteidigung Petrograds“, geschaffen 1928 zum zehnjährigen Geburtstag der Roten Armee, worin das Kriegshandwerk affirmativ als tragische Fließbandproduktion von Invaliden geschildert wird. Das Monumentalbild, das auf Hodlers „Auszug deutscher Studenten in den Freiheitskrieg 1813“ anspielt, lässt Bewaffnete in maschinenhaft perfekter Formation von links nach rechts marschieren, während auf der Brücke über ihnen Versehrte in die Gegenrichtung stolpern.

          Um 1930 veranlasst eine erste Welle von Kritik wegen Formalismus Dejneka, dessen Bilder bis dahin fast monochrom waren, farbiger zu arbeiten. Auch um sein politisches Gesicht zu verbergen, wie staatliche Kunstwächter argwöhnten, malte er Sportszenen wie den über die querformatige Leinwand fliegenden „Torwart“ oder den schwebenden Fußballspieler. Der Traum von der Überwindung von Zeit und Raum erscheint symptomatisch. Auch spätere Gemälde der dreißiger Jahre, wie die „zukünftigen Piloten“ am Schwarzmeerstrand oder die Mosaikbilder von Flugzeugen, Fallschirmspringern, Kranführern, die die Majakowski-Metrostation in Moskau schmücken, leben vom Blick in einen verheißungsvollen blauen Himmel. Die Antiformalismuskampagne der Nachkriegszeit kostete dann Dejneka sein Amt als Leiter der Moskauer Kunsthochschule. In der Tauwetterperiode konnte er nur noch frühere Bildideen dekorativ wiederholen.

          „Dejneka/Samochwalow“, in der Petersburger Manege bis 19.1.2020. Der russischsprachige Katalog ist vom 1. Dezember an erhältlich und kostet 43 Euro.

          Weitere Themen

          Auf der dunklen Seite des Karnevals

          Schwarzwald-„Tatort“ : Auf der dunklen Seite des Karnevals

          Im „Tatort: Ich hab im Traum geweinet“ endet die Fastnacht mit einem brutalen Kater. Die Kommissare landen miteinander im Bett. Einen Mord gibt es auch. Das nennt man filmischen Ausnahmezustand.

          Topmeldungen

          Grüne in Hamburg : Zweiter Platz, erster Verlierer

          Die Grünen legen erheblich zu, verpassen aber schon wieder eine große Chance: in einem zweiten Bundesland eine Regierung anzuführen. Für Robert Habeck und Annalena Baerbock wird es damit nicht leichter, ihren Anspruch auf Platz eins bei der nächsten Bundestagswahl glaubwürdig zu machen.
          Tänzer proben für den hohen Besuch: Agra bereitet sich auf Donald Trump vor.

          Besuch in Indien : Ein Spektakel, wie es Trump und Modi lieben

          Wenn der amerikanische Präsident nach Indien reist, geht es mehr um Bilder fahnenschwenkender Anhänger als um konkrete Vereinbarungen. An die Stelle eines Handelsabkommens dürften die Rüstungsverträge treten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.