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Kunstaktion mit Folgen : Wenn Roboter auf dem Schwarzmarkt shoppen

  • -Aktualisiert am

Ecstasy-Pillen, gefälschte Jeans und der Scan eines ungarischen Passes: was dabei herauskommt, wenn eine Künstlergruppe einen Roboter auf den Online-Schwarzmarkt zum Einkaufen schickt.

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          „From Ukraine. Status is arrived“, zu deutsch „Aus der Ukraine. Status zugestellt“, diese Botschaft zeigt der Bildschirm eines Laptops im White Cube der Kunsthalle St. Gallen. Was da genau von der Post zugestellt wurde, lässt sich allerdings nicht direkt sagen. Jedes Paket enthält eine Überraschung, möglicherweise auch unangenehmer Natur. Derjenige, der es bestellt hat, ist ein Bot, also ein automatisiertes Computerprogramm, das wiederkehrende Befehle abarbeitet, ohne dabei von menschlichem Einwirken abhängig zu sein. In diesem Fall hat der Bot Sachen auf dem Online-Schwarzmarkt „Darknet“ eingekauft.

          Programmiert wurde er vom Künstlerkollektiv „!Mediengruppe Bitnik“, das ihm befahl, im dunklen Netz jede Woche Bitcoins in Höhe von hundert Dollar auszugeben und Waren per Zufallsprinzip zu bestellen. Das Programm gehorchte und shoppte, was ihm unter den gierigen Algorithmus kam. Das Ergebnis stellten die Künstler Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo jetzt in der Schau „The Darknet - from Memes to Onionland“ in St. Gallens Kunsthalle aus. Durchatmen konnten sie, wenn recht unbedenkliche Objekte wie gefälschte Jeans oder Turnschuhe ankamen. Skurril wurde es bei einer Baseballkappe mit eingebauter Kamera für Stalker. Zu besichtigen ist auch ein Set von Feuerwehr-Generalschlüsseln, eine Visa-Platin-Karte oder der Scan eines ungarischen Passes – alles praktisch, aber nicht unbedenklich.

          Grauzonen und Ränder

          Die Künstler können von Glück sprechen, dass der kaufwütige Algorithmus keinen Auftragsmörder bestellte. Problematisch wurde es, als eine CD-Hülle, gefüllt mit 120 Miligramm Ecstasy eintraf. Nach Beendigung der Ausstellung wurden die Objekte jetzt von der Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen beschlagnahmt und versiegelt. Die Ecstasy-Pillen wurden, um Drittgefährdung auszuschließen, vernichtet. Das Künstlerduo nennt die Beschlagnahmung der Objekte einen ungerechtfertigten Eingriff in die künstlerische Freiheit.

          Offenbar sieht „!Mediengruppe Bitnik“ es als Aufgabe der Kunst an, zeitgenössische, gesellschaftliche Fragen aufzuwerfen und dunkle Ränder auszuleuchten. Auch mit diesem Projekt bewegten sich die Künstler bewusst in einer Grauzone und warfen drängende Fragen auf. Was bedeutet es für die Gesellschaft, wenn Roboter plötzlich autonom handeln? Wer ist haftbar, wenn ein Roboter von sich aus gegen das Gesetz verstößt? Die beiden Künstler waren klug genug gewesen, sich auch für diese Aktion den Segen ihres Anwalts einzuholen.

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