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Kunst : Wie Frau Wu ihren Kampf doch noch gewinnt

Das bekannteste Haus Chinas ist verschwunden - und in Zürich wieder aufgebaut worden. Der Künstler Thomas Demand hat dort ein Restaurant rekonstruiert, das gegen den Widerstand seiner Besitzer einem Einkaufszentrum weichen musste.

          3 Min.

          Das bekannteste Haus Chinas ist verschwunden. Wo das bekannteste Haus Chinas stand, sollte ein Einkaufszentrum entstehen, und natürlich konnten Wu Ping und Yang Wu, die Besitzer des Hauses, ihren Kampf gegen Bauunternehmer, Investoren, Funktionäre und Räumungstrupps nicht gewinnen. Aber allein die Tatsache, dass sie es so hartnäckig versucht haben, führte dazu, dass man sie als Helden feierte, und jahrelang starrten Tausende von Schaulustigen in das große Loch, das in der Mitte der chinesischen Metropole Chongqing klaffte und aus dem, wie ein Stummelzahn, das Haus von Frau Wu und Herrn Yang herausragte, eine Sehenswürdigkeit, die darin bestand, immer noch da zu sein.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Wu und Yang wichen trotz Drohungen und diffuser Versprechungen dem geplanten Einkaufszentrum nicht; sie blieben, bis ihre Entschädigung eindeutig geklärt war. Während dieser Jahre wurden sie, wie in China üblich, unter Druck gesetzt, das Terrain um sie herum wurde in schwindelerregende Tiefen abgegraben, es war bald nicht mehr daran zu denken, das Restaurant unten im Haus weiter zu betreiben. Wu und Yang kämpften mit einer Energie, die die Behörden ratlos machte. Frau Wu informierte die internationale Presse, gab Interviews, Yang, ein ehemaliger Boxer, blieb auch, als die Bagger immer tiefer gruben, in seinem Haus, stieg unter dem Applaus der Menge auf das Dach seiner jetzt zur Insel gewordenen Immobilie, schwenkte wütend eine chinesische Fahne, so, als habe er soeben im Kampf gegen die Armeen des Shoppingkönigs ein bedeutendes Stück Land zurückerobert.

          Leben auf den Platz bringen

          Die lokalen Zensurbehörden konnten ihr Verbot, über die Geschichte zu berichten, nicht aufrechterhalten; im Internet erschienen zahllose Videos und Reportagen, und Wu und Yang wurden zu Stars des zivilen Ungehorsams (Chinesisches Ehepaar muss Haus räumen). Drei Jahre lang, von 2004 bis 2007, stand das Haus, von den Baubehörden zum ruinösen Turm degradiert, in dem großen Loch, das wie eine düstere Metapher des neuen Chinas im Zentrum der Stadt gähnte. Dann, im April 2007, gaben Wu und Yang auf.

          Hier hätte auch die Geschichte enden können – stattdessen geht sie weiter wie Bernhard Wickis phantastischer Film „Das Wunder des Malachias“, in dem ein erzürnter Geistlicher den Herrn bittet, dass er das Haus mit der Eden-Bar, die direkt neben seiner Kirche in Gelsenkirchen eröffnet hat, vom Erdboden verschwinden lassen möge, was auch erhört wird: Das Haus mitsamt der Bar steht am nächsten Morgen auf einer Nordseeinsel. Ähnlich fremd wird das chinesische Haus von Yang und Wu bald mitten in der Schweiz, und zwar an dem nicht eben durch alpine Gemütlichkeit geprägten Escher-Wyss-Platz in Zürich, wiederauftauchen: Der deutsche Künstler Thomas Demand, der für seine komplexen Papierrekonstruktionen bekannt ist (siehe Ausstellung: In einer Wiederaufbauwelt), gewann den Wettbewerb für die Neugestaltung des Platzes und will hier das abgerissene chinesische Haus unter einer Straßenbrücke rekonstruieren; als rund um die Uhr geöffnetes Restaurant soll es bald ein Leben auf den Platz bringen, das man dort bisher vermisst.

          An der Grenze von Architektur und Fluxus

          Demand überträgt mit diesem Projekt seine Nachbild-Strategie ins Feld der Architektur: Seine Fotografien von Papiermodellen, die wie Kühlräume der Erinnerung, einer Ästhetik der Nachträglichkeit, wirken, heben Formen im doppelten Sinn auf – und genau dies wird auch der gebaute Revenant, das wiederauferstandene Haus aus China, tun. Normalerweise werden alte Häuser mit Autobahnbrücken überbaut; der rekonstruierte, unter die Brücke gepfropfte Bau bringt die Zeitebenen, die Sedimentschichten der Stadt, ihre räumlich-zeitliche Erzählung durcheinander. Das verschwundene Haus wuchert wie die sich materialisierenden Erinnerungen in „Solaris“ aus dem Boden in die Gegenwart hinein. Dass sich unter Autobahnbrücken nachträglich Bauten ansiedeln, kennt man allenfalls aus Afrika – dort haben sich, etwa in Lagos, Händler und Garküchen unter den Betonpfeilern von Schnellstraßen eingenistet, die die im Stau sitzenden Autofahrer versorgen. So produziert der eigentlich stadtzerstörende Hochstraßenbau eine neue Form von Mikrourbanität.

          Eine solche Mikrourbanität haben auch Architekten wie das Berliner Büro Raumlabor im Sinn gehabt, als sie ihr „Küchenmonument“ entwarfen, einen aufblasbaren, mobilen Mehrzweckraum, der in den unwirtlichsten Umgebungen, unter Brücken, an Industriekanälen, auf Verkehrsinseln, aufgestellt, als Restaurant oder Tanzsaal genutzt werden kann.

          Im Licht eines solchen neuen Städtebaus, der an der Grenze von Architektur und Fluxus urbane Belebungsenergien produziert, kann man Demands Hausrekonstruktion nicht nur als Monument bürgerlichen Eigensinns, sondern auch als sozioexperimentellen Surrealismus begreifen: Die evakuierte Form, das aus China umgepflanzte Haus, migriert in die Schweiz und macht den toten Platz zu einem Ort, an dem man, was eher selten ist in Zürich, rund um die Uhr essen kann. Dass diese Einwanderung fremder Dinge und Lebensgewohnheiten eine eindeutige Bereicherung sein wird, kann man auch als politische Botschaft eines Landes lesen, das sich zurzeit mit seinen Migranten schwertut. Ab 2010 soll Zürichs neues, miniaturisiertes Chinatown entstehen, leider ohne Wu und Yang.

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