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Kunst : Vor Skifahrern wird gewarnt

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Was sich im Kreis dreht, ist richtig. Doch wieviel Richtiges steckt im Falschen? Das ist eine Frage, ganz nach Slominskis Geschmack. In Frankfurt kann man ihr gleich in sechzehn Räumen nachgehen, die einen formidablen Überblick über das bisherige Schaffen des Künstlers ermöglichen. Slominski liebt Rätselbilder, allerlei Kunstfallen und neuerdings auch Bilder, die sind wie Schäumchen. In seiner Kunst ist fast alles ready-made, und so wird vieles schlicht und ergreifend fertig, sprich: zunichte gemacht - zuallererst unsere Erwartung. Also stehen wieder einmal bepackte Fahrräder und Farbeimer zum „Anstreichen des Kampfpanzers Leopard der Schweizer Armee“ herum, es stapeln sich fein säuberlich gefaltete Staubtücher - und daneben steht ein Schrank für Liebhaber im Rollstuhl. Denn auch ein Mann im Rollstuhl hat ein Recht darauf, sollte er mit seiner Gespielin überrascht werden, in einen Schrank flüchten zu können, um sich zu verstecken.

Überschwemmung der Großhirnrinde

Ebenso sorgsam wie mit dem Liebhaber geht Slominski mit allem um, was er aufgreift. Er dreht es so lange hin und her, bis keiner mehr weiß, was Sache ist. Dabei ist seine Kunst die Sorgsamkeit schlechthin. Nichts ist ihr zu gering, kein Ding ist ihr zu banal und zu unbedeutend, um nicht liebevoll in Kunst verwandelt zu werden. Oder umgekehrt: Keine Vorstellung ist zu aberwitzig, als daß daraus nicht ein objet d'art werden könnte.

Mit Liebe zum Detail ausgeführt sind die Basteleien, bewußt umständlich das Vorgehen, bis die Absurdität aller Denk- und Zeichensysteme die gesamte Großhirnrinde des Betrachters überschwemmt. Dabei sind viele Fragen, die bei Slominski auftauchen, ganz normale Fragen, die sich ergeben, wenn man von der Existenz eines Dings auf die eines anderen schließt, ohne Rücksicht darauf, ob das Ergebnis einen Sinn ergibt oder nicht. Ein Beispiel: Es gibt Astgabeln, also muß es auch einen „Ofen zum Verbrennen von Astgabeln“ geben. Und, violà, hier steht er!

Kitschverdächtige Mischwesen

Daß Slominski Schopenhauerianer ist und das Abgründige am Satz vom zureichenden Grund liebt, daran ist man mittlerweile gewöhnt. Auch die Rolle des Neffen im Geiste des Meta-Ironikers Marcel Duchamp spielt er immer wieder gut. Nun überrascht er aber doch, wenn er unter dem kyptischen Titel „xHBy89z - xHBy101z“ seine neuesten Schaumgeburten präsentiert. Ganz Schlaue lesen die Buchstabenfolge xHBy wie „exhibit“, die folgende Zahl als willkürliche Numerierung innerhalb einer Reihe, die lauter billig-bunte „Combine paintings“ versammelt, kitschverdächtige Mischwesen aus Gemälde, Relief, Farbe und Schaum. Wo die Malerei selbst gerade wie eine Schaumgeburt des mächtig brodelnden Kunstmarkts auftritt, darf man sich über einen ironischen Postmodernismus aus Styropor nicht wundern.

Eine „Scharlatanerie aus Luft und Irgendetwas“ nennt der Philosoph Peter Sloterdijk den Schaum, ein „heiteres Denkbild“, dazu angetan, die „Subversion der Substanz mit eigenen Augen zu beobachten“. Also beobachten wir die Verwandlung der Kunst-Malerei in bunten Kunst-Schaum, der unsere Sinne überfüllt und gegen die Kälte der Welt isoliert. Nett, dekorativ, luftig leicht und derart zum Grausen spaßig ist das, daß man fast schon wieder Gefallen daran finden kann, wie der Schelm Slominski seinen Spiegel mit den neonbunten Farbnebeln besprüht, die der Zeitgeist absondert. Zwischen Kleiderbügel, Anker, Türbeschlag, Kravate, Mausefalle und Bananen findet sich auch ein kleines Paar Skier - samt Stöcken.

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