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Klassische Avantgarde : Ohne diese Frauen gibt es keine Moderne

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Zwei Ausstellungen in Frankfurt und Bielefeld widmen sich den Künstlerinnen der Avantgarde am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Gibt es zu diesem Thema denn noch Neuigkeiten?

          Den Schlüssel zur Antwort darauf, was die Ausstellungen zu den Künstlerinnen der Moderne denn eigentlich sollen, die es nun seit einigen Jahren vermehrt im In- und Ausland zu sehen gibt, bietet der Katalog der Frankfurter Schau. In deren Mittelpunkt steht erst einmal ein Mann: Herwarth Walden, der 1878 in Berlin geborene Kunstkritiker und Komponist, der 1910 die Avantgarde-Zeitschrift „Der Sturm“ gründete und zwei Jahre darauf die gleichnamige Galerie. Walden ist in vieler Hinsicht ein Phänomen. Auf den ersten Blick ein grimmiger Mann mit Zwicker, die Stirn hoch, der drahtige Körper fast immer im Dreiteiler. Auf den zweiten Blick ein rastloser Liebender, ein Emphatiker, den seine erste Ehefrau, die Dichterin und Künstlerin Else Lasker-Schüler, den „größten Künstler und den tiefsten Idealisten“ nannte.

          In mindestens einer Hinsicht unterschied er sich von sämtlichen Zeitgenossen. Ebendiese hat die Kunsthistorikerin und Kuratorin Ingrid Pfeiffer nachhaltig beschäftigt, und sie schreibt es im Katalog: „Es stellt sich die Frage, wieso Walden so viel mehr Künstlerinnen ausgestellt hat als jeder andere Kunsthändler, aber auch Museumsdirektor seiner Epoche.“

          Ja, warum? Weshalb förderte er nicht nur Marc, Klee oder Kandinsky, sondern auch Münter, Werefkin, Hilla von Rebay oder Magda Langenstrass-Uhlig? Und das nicht nur halbherzig, sondern mit Bombast. Der niederländischen Künstlerin Jacoba van Heemskerck widmete er zehn Einzelausstellungen; sie schuf die meisten Holzschnitte für das Cover seiner Zeitschrift. Als er 1913 in Berlin den „Ersten deutschen Herbstsalon“ organisierte, eine Überblicksschau der internationalen Kunstströmungen, ließ er Sonia Delaunay die meisten Werke zeigen, insgesamt 26 Arbeiten.

          Die Frankfurter Schirn als Treibhaus

          Alle diese Zahlen und Fakten lassen sich in dem minutiös recherchierten Beitrag von Ingrid Pfeiffer nachlesen. Denn ohne aufwendiges Nachforschen wäre die Ausstellung nicht möglich gewesen. Mehr als ein Jahrhundert nach Gründung von Zeitschrift und Galerie, die beide ein Ende fanden, als Walden 1932 nach Moskau auswanderte, lautet die Frage nämlich zunächst: Welche Frauen stellte er überhaupt aus?

          Zurückgreifen konnte Pfeiffer auf die Publikation der Wuppertaler Sturm-Ausstellung, die vor einigen Jahren im Von-der-Heydt-Museum gezeigt wurde. Gerade aber was die Künstlerinnen angeht, hat sich über Waldens Saat häufig das Geröll der Geschichte geschoben, vergleichsweise weniges wurde bisher geborgen, vieles ist verschüttet, einiges zerstört.

          Von den dreißig Künstlerinnen, die Walden ausstellte oder in seiner Zeitschrift besprach, zeigt die Schirn Kunsthalle achtzehn. Die elegante geschwungene Ausstellungsarchitektur fungiert dabei als gigantisches Treibhaus. Dort finden die Leihgaben aus Paris, Berlin, New York oder Moskau die idealen Bedingungen, um ihre volle Pracht zu entfalten, sie erhalten den kunsthistorischen Dünger und die kuratorische Pflege.

          Abstraktion war Männersache

          Wer erfahren möchte, wie ein Werk durch die Hängung zum Strahlen gebracht werden kann, sollte bei dem Rundgang nach Emmy Klinkers Gemälde „Fabrik“ von 1918 Ausschau halten: ein Backsteingebäude, ein rauchender Schlot, zwei Frauen, die eine gewundene Straße hochgehen, die wie geschmolzen sich über grüne Hügel ergießt; als ob das Feuer aus der Fabrik ausgebrochen sei, glüht der Himmel in einem phosphorisierenden Gelb. Wer das Bild in der Sichtachse aus einiger Entfernung auf der graugestrichenen Wand sieht, ist versucht, die Aufsicht zu verständigen. Brennt da nicht was?

          Mit dieser großen Bühne, dieser edlen Inszenierung kann die Kunsthalle Bielefeld nicht mithalten, die ebenfalls die Frauen der Moderne würdigt – unter dem Titel „Einfühlung und Abstraktion“. Vergleich und Besuch lohnen sich trotzdem. Der Bielefelder Titel ist eine Anspielung, eine Umkehrung von Wilhelm Worringers „Abstraktion und Einfühlung“, der Dissertation des Kunsthistorikers, veröffentlicht im Jahr 1908.

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