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Kunst von Ai Weiwei : Ornament und Verbrechen

Ai Weiwei gilt als wichtigster Künstler Chinas. In einer Ausstellung in München zeigt er jetzt Skulpturen, frühe Fotos - und eine Wand aus Schulranzen. Sie erinnern an ein Verbrechen, das Peking gern vertuscht hätte.

          Am Montag, dem 14. September, wurde Ai Weiwei in die neurochirurgische Klinik der Universität München eingeliefert. Die Ärzte stellten eine lebensbedrohliche Gehirnblutung fest. Noch am selben Abend wurde er notoperiert.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Verletzung, die dem Künstler fast das Leben gekostet hätte, rührte nicht von einem Unfall her, sondern von einem Angriff der Staatsmacht (siehe: Vor der Buchmesse: China im Quadrat). Und weil dieser Angriff im Zusammenhang mit einem Werk steht, das ab kommendem Sonntag in München zu sehen ist; weil Ai seine Teilnahme an der Buchmesse aus gesundheitlichen Gründen absagen musste, ist diese Ausstellung schon jetzt ein Politikum.

          Mitte August war Ai Weiwei in die chinesische Provinz Sichuan gereist; dort, in Chengdu, hatte ihm ein Zivilbeamter auf den Kopf geschlagen. Ai Weiwei hatte versucht, an Informationen über die Kinder zu gelangen, die hier bei einem schweren Erdbeben im Mai 2008 in ihren Schulen ums Leben gekommen waren. In China werden diese Bauten, bei denen korrupte Funktionäre und Unternehmer oft minderwertige Materialien verwendet haben, um den Gewinn aus dem Etat für höherwertiges Baumaterial zu kassieren, „Tofu-Häuser“ genannt. Im Internet hatte Ai eine Namensliste veröffentlicht; er wies darauf hin, dass diese Kinder nicht Opfer einer Naturkatastrophe, sondern Opfer politischer Missstände, nämlich der Korruption beim Bau öffentlicher Gebäude, geworden waren. Womit er für einen politischen Skandal sorgte: Auch wegen Ai hatte man in Peking zugeben müssen, dass 5335 Kinder in den Tofu-Schulen gestorben waren. „Man hatte die Schulranzen der toten Kinder liegengelassen“, sagt Chris Dercon, Leiter des Münchner Hauses der Kunst, „aber jemand hatte die Namensschilder entfernt.“

          Die Recherche in Sichuan stand auch am Anfang einer monumentalen Arbeit, die Ai jetzt in München an der Fassade des Hauses der Kunst zeigt. Ais Team befestigte dort Hunderte verschiedenfarbiger Schulranzen an der Fassade. Es sind Ranzen in den Farben, mit denen der Spielzeughersteller „Toys'R'Us“ auch China beliefert, die Farben einer globalisierten Kinderästhetik. Das Ranzen-Murales erinnert an die grellbunten Monumentalornamente jener Propagandakunstwerke, die man von chinesischen und nordkoreanischen Paraden kennt - nur dass die bunten Ranzen, so, wie sie gehängt sind, einen chinesischen Schriftzug ergeben, einen Satz, den die Mutter eines der getöteten Mädchen Ai schrieb: „Sie lebte sieben Jahre lang glücklich auf dieser Welt.“ Das Werk ist in China verboten, Bilder von ihm dürfen nicht ins Netz gestellt werden.

          Die Bildmacht des Massenornaments

          Mit „Remembering“ belebt Ai, der 1957 in Peking als Sohn des Dichters und Regimekritikers Ai Qing geboren wurde, eine Tradition dezidiert politischer, agitatorischer Kunst, die mit dem Ende der europäischen Terrorregimes obsolet schien. Lange gab es keine politische Kunst mehr in dem Sinne, wie Picassos „Guernica“ eines war. Was man bei Ai Weiwei sieht, ist die Wiederkehr einer politischen Bildinversionsstrategie. Mit dem Ranzenbild wird die Bildmacht des Massenornaments gegen jene gekehrt, die mit ihm Propaganda betrieben. Während in den Tanzornamenten fernöstlicher Militärparaden die Individuen in floralen Musterbewegungen aufgelöst werden, ersteht hier aus der Masse der Ranzen die Geschichte eines Opfers - stellvertretend für tausende.

          An der Ranzen-Arbeit erkennt man am deutlichsten Ais Begriff von Skulptur - sie folgt zwar strengen kompositorischen Gesetzen, ist aber nicht als reines Objekt, sondern nur als Teil eines kommunikativen Prozesses zu begreifen, zu dem ebenso Blogs und soziologisch-politische Recherchearbeiten gehören.

          Ai Weiweis Arbeit will eine über Kunstkreise hinausreichende aufklärerische Wirkung haben. Vergleichbar ist sein Ranzenbild - das wie alle politisch engagierte Kunst einen hierzulande oft kritisch beäugten Hang zum Pathos hat - allenfalls mit Taryn Simons Fotoprojekt „The Innocents“, bei dem die Opfer von Justizirrtümern und rassistischen Schöffenurteilen an den Tatorten gezeigt werden.

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