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Kunst und Politik : Machen schlechte Möbel rechtsradikal?

Henrike Naumann: „Traueraltar Deutsche Einheit“, 2018 Bild: Achim Kukulies

Henrike Naumann ist die Künstlerin der Stunde. Sie untersucht die neue deutsche Teilung anhand ihrer Möbel – aktuell in Südkorea, Berlin und Graz.

          Am Tag, an dem Kim Jong-un einen weiteren kleinen Schritt für die Menschheit tat und Präsident Moon Jae-in beim spontanen Treffen auf der Grenze zwischen Nord- und Südkorea zum zweiten Mal die Hand schüttelte, eröffnete fünfzig Kilometer südlich in Seoul eine Kunstbiennale. Es war der erste Funke in einer wahren Zündschnur an Kunstbiennalen, die sich binnen drei Tagen von der Hauptstadt Seoul über Gwangju im Südwesten bis nach Busan im Südosten durchs Land fraß, gefolgt vom üblichen internationalen Tross aus Künstlern, Kuratoren, Galeristen und Journalisten. Während die Welt mutmaßte, ob der Führer bei der sonntäglichen Militärparade zum siebzigsten Geburtstag Nordkoreas auch die Atomsprengköpfe auffahren würde, überhitzten im Süden die Betrachtergehirne, wurde ganz Südkorea von der zeitgenössischen Kunst besetzt.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ganz Korea? Ja. Selbst nicht weit der berühmten blauen Militärbaracke, vor der Kim und Moon sich trafen, in der Demilitarisierten Zone (DMZ), zwischen wild duftenden Shisopflanzen, verlassenen Dörfern, Invasionstunneln und Minenfeldern, hat sich seit Jahren die Kunst verschanzt, hat Adrián Villar Rojas ein Bauernhaus als Filmset aufgekauft und Tomás Saraceno auf der Terrasse, von der Touristen in den Norden blicken, ein weiteres Fernglas installiert, das auch den Blick zurück auf die Touristen erlaubt.

          Heute braucht ja, wie einst jedes Dorf eine Kirche, jede Stadt eine Biennale. Aber die Ballung von drei Eröffnungen in drei Tagen mit 285 Künstlern in einem Land, in dem 0,2 Prozent der Bevölkerung in einem künstlerischen Studiengang eingeschrieben sind, stellt so ziemlich alles in den Schatten, und so beschlossen wir, zum Beginn der Ausstellungssaison 2018/19 hier dem überhitzenden Kunstglobus die Temperatur zu messen.

          Auf wackligen Füßen: Henrike Naumann in Nachwende-Mobiliar

          Es tritt nach drei Tagen in drei Großausstellungen die Form des Kunstwerks hinter die Form seiner Betrachtung zurück. Es stülpen sich ja in jedem einzelnen Ausstellungsraum so viele verschiedene Räume ineinander, gebildet aus skulpturaler Ausdehnung, Bildtiefe, Text und Ton. Es ist jede neu sich öffnende Halle wie eine Flutwelle, die einen mit Gewalt zurückwirft. Ein Algorithmus müsste man sein, schwerelos alles Entstehende und Eröffnende durcheilen.

          Aber manchmal sieht man klarer, wenn man nichts mehr sieht. Und manchmal reist man ans Ende der Welt und landet zu Hause.

          Henrike Naumann zum Beispiel, geboren 1984 in Zwickau, bekam gerade in Busan ihr Kunstwerk angeliefert, als sie die Nachrichten aus Chemnitz las. Das Kunstwerk besteht aus archaischen CD-Ständern, spiralförmigen Wohnzimmerlampen, blass gemusterten Teppichböden, tiefliegenden Kunstledersesseln, Comic-haften Stühlen und einem dreieckigen Glasschrank, der wohl eher zufällig an das nie fertig werdende, pyramidenförmig in den Himmel ragende „Ryugyong“-Hotel in Pjöngjang erinnert. Also aus genau den Wohnungseinrichtungsgegenständen der neunziger Jahre, die wir eigentlich alle gern vergessen hätten und in denen das utopische, verrückte postmoderne Design der Memphis-Gruppe durch vielfache Missverständnisse gefiltert, erschlafft und ausgeblichen, als Untotes weiterlebt.

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