https://www.faz.net/-gqz-102fc

Kunst und Recht : Dies Erbe geht nicht nur uns an

Ein neuer Streit um die Rückgabe von Kunstwerken an jüdische Erben ist ausgebrochen. Auktionshäuser verkaufen häufig Werke, ohne sich ausreichend um deren Herkunft gekümmert zu haben. Für eine bessere Provenienzforschung fehlt meist das Geld.

          8 Min.

          Vor kurzem sorgte ein interessanter Fall für Aufsehen. Es ging um ein Werk des Malers Max Liebermann, eine Gartenszene am Wannsee, gemalt 1917. Noch Anfang 1938 hing das Gemälde im Esszimmer des jüdischen Bankiers Victor von Klemperer, doch dann floh er vor den Nationalsozialisten, die seine Sammlung im November 1938 beschlagnahmten. Ein Dresdener Museumsdirektor suchte sich ein paar Stücke für sein Haus aus, der Rest ging zurück an Klemperers Generalbevollmächtigten und landete im Lager einer Spedition. Von dort sollte auch der Liebermann an eine in der Schweiz lebende Tochter der Klemperers geschickt werden. Er kam, wie auch andere Gemälde, nie an und galt als verschollen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Im vergangenen Jahr entdeckte Victor von Klemperers Enkelin das Gemälde durch Zufall im Internet wieder. Zum Zeitpunkt dieser Entdeckung war das Original schon wieder verschwunden; es war am 25. November 2005 im Berliner Auktionshaus Grisebach für 323.500 Euro verkauft worden. Dass es einmal im Besitz der Klemperers war, teilte der Auktionskatalog nicht mit. Warum? Grisebach hatte – ohne Ergebnis – bei den bekannten Datenbanken für Raubkunst angefragt. Im herangezogenen Liebermann-Werkverzeichnis von Matthias Eberle kommen die Klemperers nicht vor, und zum Zeitpunkt der Auktion gab es keine Suchmeldung der Klemperers. Von vorsätzlichem Handel mit Raubkunst, wie es eine Fernsehsendung reißerisch suggerierte, kann demnach keine Rede sein. Aber: Hatte man bei Grisebach wirklich keine Chance zu erfahren, was während 1933 bis 1945 mit dem Bild passierte?

          Dokumentationslücken während der NS-Zeit

          Man hätte sie gehabt. Ein Auktionator muss stutzig werden, wenn just während der Zeit des Nationalsozialismus eine Dokumentationslücke klafft. In der Provenienzangabe des Liebermann findet man als Erstbesitzer den Kunsthändler Ernst Cassirer, der verkaufte es an den Sammler Oscar Schmitz, der 1933 starb und dessen Sammlung in den folgenden Jahren aufgelöst wurde. Danach ist erst wieder nach 1945 ein Besitzer bekannt – Albert Daberkow. Es kostet keine unendlichen Mühen herauszubekommen, dass Daberkow 1945 in den Besitz zahlreicher Kunstwerke aus dem Nachlass des Kunsthändlers und Barlach-Vertrauten Bernhard Böhmer gelangte – einer der wenigen Kunsthändler, die von Joseph Goebbels zum Handel mit „entarteter“ Kunst autorisiert waren. Böhmer handelte mit Werken aus Beschlagnahmegut und wurde zu einem der wichtigsten Kunsthändler im Dritten Reich. Als die sowjetischen Truppen im Mai 1945 anrückten, nahm er sich das Leben.

          Die naheliegenden Fragen, die sich an diese Fakten knüpfen, stellte man sich bei Grisebach nicht. Lag das daran, dass sich das Haus aufwendigere Recherchen nicht leisten konnte? Und hatte nicht einmal das weitaus größere Auktionshaus Sotheby’s, das den Liebermann schon einmal 1988 verkaufte und auf dessen Expertise man sich bei Grisebach verlassen zu können glaubte, dieses Geld? Man kann daran seine Zweifel haben. Immerhin haben beide Auktionshäuser Provenienzforscher unter Vertrag. Andere Kunsthändler nehmen es mit der Provenienzforschung nicht so ernst – auch, weil es keinen rechtlich durchsetzbaren Anspruch auf Herausgabe gibt. Juristisch gesehen, sind alle verhandelten Fälle verjährt. Doch seit einiger Zeit kommt wieder Bewegung in die Frage der Restitution.

          Die Argumente der Restitutionsgegner

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Vereinbarung des amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence und des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan umfasst 13 Punkte.

          Waffenruhe in Nordsyrien : Bekommt die Türkei, was sie wollte?

          Die Übereinkunft zwischen Erdogan und Pence hat die Türkei ihren Zielen in Nordsyrien nähergebracht. Dass die Kurden das Abkommen mittragen, ist jedoch zweifelhaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.