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Kunst : Paradies hinterm Vorhang

  • -Aktualisiert am

Für die Neue Nationalgalerie in Berlin beginnt die „Nach-MoMA-Zeit“ mit der Ausstellung „Gegenwelten“. Es ist eine bezaubernd schöne Darbietung, die versteckte Herrlichkeiten aus Berlins Museen versammelt.

          Der Erfolg der MoMa-Ausstellung hat die Berliner Museen unter Druck gesetzt. Presse, Publikum und Politik erwarteten neue Großereignisse, doch überraschend schnell konnte dieses Bedürfnis mit der „Friedrich Christian Flick Collection“ im Hamburger Bahnhof befriedigt werden. Ungeachtet der nicht nachlassenden Kritik ist sie zu einem Blickfang des Kunsttourismus geworden.

          Aber was geschah derweil mit der Neuen Nationalgalerie, dem Tatort der legendären MoMa-Schau? Weder die nächtlichen Clownerien eines Performance-Künstlers noch Ulrich Rückriems Steinquader konnten das Museum aus dem Dornröschenschlaf wecken, in den es nach dem Gastspiel verfallen war.

          Bezaubernd schön

          So beginnt die Nach-MoMa-Zeit eigentlich erst jetzt mit den „Gegenwelten“, einer Auswahl aus den Museumsbeständen, angereichert mit Werken verschiedener Berliner Sammlungen, vor allem aus dem für Flick leergeräumten Hamburger Bahnhof. Es ist eine bezaubernd schöne Darbietung geworden. Man hatte schon ganz vergessen, was für Herrlichkeiten Berlins Museen rumpelstilzchenartig vor uns verstecken.

          So sieht man denn endlich wieder einen ganzen Raum mit Munch und Kokoschka, sieht Hodler, Feininger und Beckmann, Klees filigrane Phantasien sowie die Kraftstücke von Bacon und Leger, von Picasso und Max Ernst. Einen ganzen großen Raum füllt die Parade der Expressionisten mit Kirchners Großstadtbildern in der Mitte. Beuys beherrscht die Halle, Warhol und Kiefer haben jeder einen Saal für sich, den anderen Schlußpunkt setzt Werner Tübke mit seinen altdorferschen Figurenfluten.

          Geschmackssicher inszeniert

          Es ist eine Lust, die Ausstellung zu sehen, zumal sie, wie es selten geschieht, geschmackssicher inszeniert wurde. Nur die beiden Großskulpturen von Max Ernst und Sol LeWitt wirken zu „laut“ in Mies van der Rohes meditativen Räumen. Was immer der Titel „Gegenwelten“ bedeuten mag, es wäre genug, wenn es „Meisterwerke aus unserer Sammlung“ hieße. Das würde freilich nicht so verheißungsvoll nach Ausstellung klingen. Schade nur, daß die neue Pracht nach ein paar Monaten schon wieder verschwindet, weil, wie könnte es heutzutage anders sein, für eine neue Ausstellung alles leer geräumt werden muß.

          Das graue Berliner Winterlicht ist für Gemälde nicht gerade günstig, und so bleibt die lange Glaswand, die sich zum Garten öffnet, verständlicherweise mit einem Vorhang verschlossen. Wenn der Wärter nicht herüberschaut, streift gelegentlich ein Besucher die Lamellen ein bißchen auseinander und blickt neugierig nach draußen. Was er dort sehen kann, ist Mies van der Rohes Skulpturengarten, in dem die bronzenen Figuren und stählernen Konstrukte - Werke von Maillol bis Rickey - zwischen Bäumchen, Sträuchern und Wasserbecken dekorativ verteilt sind. Eine Gartenseite ist dem Museum zugewandt, die anderen trennt eine Mauer von der Außenwelt: ein Paradiesgärtlein des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Nichts komplett in Ordnung

          Wer heute einen Blick auf das Kleinod riskiert, könnte es freilich eher für einen Schandfleck halten. Zwar ist nichts komplett kaputt, aber auch nichts komplett in Ordnung. Platten haben sich gelockert, Pflanzen sind verwildert, und dem Wasserbecken sieht man nur deshalb nicht an, wie dringend es gepflegt werden müßte, weil es im Winter sowieso ohne Wasser ist. Das klingt alles harmlos, ist im Fall Mies van der Rohe jedoch dramatisch. Sein moderner Klassizismus soll durch Schönheit überwältigen, edle Materialien und makellos geformte Kleinigkeiten gehören zum Kalkül. Verwahrlosung bedeutet bei seinen Bauten Zerstörung.

          Sicherung, Wiederherstellung und Pflege braucht dieser Garten, einst der architektonische Augapfel des berühmten Museums. Vierhunderttausend Euro würden die dringendsten Maßnahmen kosten, doch bei der Bundesbaubehörde gibt es keinen Etat dafür. Und der „Verein der Freunde der Nationalgalerie“ darf laut Satzung kein Geld für architektonische „Hardware“ verwenden, sondern hat sich nur um die gemalte und gemeißelte „Software“ zu kümmern.

          So wollen Berliner Bürger jetzt selber helfen und haben einen „Mies van der Rohe Skulpturengarten e.V.“ gegründet, um das versteckte Stück Paradies endlich wieder attraktiv zu machen. Gedankenspiele sehen schon das Museumscafe zum Garten sich öffnen und die Flaneure vom Potsdamer Platz Richtung Neue Nationalgalerie pilgern.

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