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Kunst : Kunst kritisch?

Politik unterm Spargel: Zur Feier des siebzigsten Geburtstages des Künstlers Hans Haacke werden jetzt in den Hamburger Deichtorhallen und der Berliner Akademie der Künste zwei große Ausstellungen mit seinen Werken gezeigt.

          Im April des Jahres 1968 wurde dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum ein Bild mit einer seltsamen Widmung geschenkt. Zum „Andenken an Konrad Adenauer“, wie eine Inschrift auf dem Rahmen vermerkt, überreichte der Förderkreis dem Haus Edouard Manets „Spargel-Stilleben“. Warum gerade dieses Bild? Was hatte Adenauer mit Spargel zu tun? Das war jedoch nicht die einzige Frage, die sich aufdrängte, als der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Deutschen Bank, Hermann J.Abs, der maßgeblich zum Ankauf des Werks beigetragen hatte, das Spargel-Bild in einem feierlichen Akt übergab.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Als sechs Jahre später der vom gleichen Museum zu einer Ausstellung über „Kunst am Anfang der siebziger Jahre“ eingeladene Künstler Hans Haacke vorschlug, die Geschichte des Bildes und seiner Besitzer zu ermitteln und diese Recherche als Kunstwerk im Museum auszustellen, lehnte der Museumsdirektor es ab, dieses Werk zu zeigen: „Ein dankbares Museum“, so das Argument, müsse „Initiativen so außerordentlichen Charakters vor jeder späteren, noch so leicht verschattenden Interpretation“ bewahren. Der Schatten, den Haacke in seiner Arbeit nicht verschweigen wollte, war die Rolle, die Abs im Dritten Reich bei der „Arisierung“ jüdischen Vermögens gespielt hatte und wegen der ihm bis zu seinem Tod 1994 die Einreise in die Vereinigten Staaten verweigert wurde. Haacke stellte sein Werk statt dessen in einer Kölner Galerie aus; in schwarzen Rahmen waren die Geschichten der Besitzer und Händler des Bildes nachzulesen, darunter die des jüdischen Kunsthändlers Alexandre Rosenberg, die des Malers Max Liebermann, dessen Frau sich 1943 aus Angst vor der Gestapo umbrachte - und eben auch die von Hermann J. Abs.

          Kunst als politisches Werkzeug

          Würde ein Kunsthistoriker eine solche Analyse vorlegen, würde man sein kritisches Potential loben, die Fähigkeit, den gesellschaftlichen Sprengstoff hinter einer scheinbar neutralen, dezidiert unpolitischen Gabe zu entdecken. Aber diese Offenlegungsarbeit ist nicht als „kunstwissenschaftliche Analyse“, sondern selbst unter „Kunst“ rubriziert, und das war neu - und umstritten. Über Hans Haacke wurde man sich lange nicht einig. Für die einen war er einer, der die Kunst zum Werkzeug einer politischen Dampfhammerpädagogik machte, für die anderen der Pionier einer politisch engagierten Kunst, die fragt, welche Bilder man wo zu sehen bekommt und welche nicht - und was die versteckten Mechanismen und Machtstrukturen hinter der Bildpolitik von Politik und Museen sind.

          In Hamburg und Berlin werden jetzt, zur Feier seines siebzigsten Geburtstags, zwei große Haacke-Ausstellungen gezeigt. Neben dem „Spargel-Stilleben“ ist in der Berliner Akademie der Künste eine weitere Arbeit zu sehen, mit der Haacke 1971 ein Museum in Schwierigkeiten brachte, das New Yorker Guggenheim. Wie die Bechers eine Industrieanlage nach der anderen fotografierten, hatte Haacke, allerdings ohne deren formalen Ehrgeiz, Häuser in Manhattan aufgenommen, die in der Reihung zu einem streng rhythmisierten Muster zusammenliefen. Man sah: die immer gleichen vertikalen Fenster, die immer gleichen Diagonalen der Feuertreppen. Allerdings ging es Haacke nicht um den formalistischen Reiz dieser Stadtbilder; jedes der gezeigten Häuser war im Besitz der Immobiliengruppe von Harry Shapolsky, zu der etwa siebzig Gesellschaften gehörten.

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