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Kunst in Wuppertal : Den man im Walde nicht hört

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Stiller Maler und wirksamer Strippenzieher: Wuppertal würdigt den Stadtsohn Adolf Erbslöh als den „Avantgardemacher“, der sich bald von seinen Künstlerfreunden abwandte und eigene Wege ging.

          1910 in München. Mit starrem Blick verfolgt der Mann die Bewegungen des Mädchens. In seinem prachtvollen Atelier lässt sie nach und nach ihre Kleider sinken, bis der Oberkörper halb entblößt ist. Dann hält sie inne. Als der Mann mit der großen runden Brille weiter verharrt, schlägt sie die Arme in den Nacken. Ihre Finger graben sich in das dichte, braune Haar und binden es zu einem festen Knoten. Als sei sie eine dieser verschämten und lasziven Göttinnen, die Antonio Canova und Bertel Thorvaldsen ein Jahrhundert zuvor in Marmor meißelten. Als hätte sie noch immer nichts vom Ende des Klassizismus gehört. Es ist ein reizender, intimer Augenblick – gedankenversunken, pur, nicht eben schamhaft. Ein Moment, der nur der Schönen gehört.

          Und Adolf Erbslöh. Mit sicherem Pinsel und weiten Bewegungen lässt er seine Hand über die Malerpappe gleiten. Nur manchmal setzt er ab, um sich den Details der weiblichen Silhouette zu widmen. Kräftige Grün- und Blautöne und ein tiefes, erdiges Rot verteilt er großflächig auf den Kleidern des Mädchens. Sein Inkarnat erstrahlt nun in saftigem Violett, Grün und Rosé, während sich die Schatten in dunklem Blau und Petrol auflösen.

          Ein Mann der zweiten Reihe

          Als Erbslöh (1881 bis 1947) sich dem ikonischen Akt „Mädchen mit rotem Rock“ widmet, hat er den sechzehn Jahre älteren Alexej von Jawlensky und die wesentlich ältere Marianne von Werefkin bereits kennen- und schätzengelernt. Die ambitionierten Russen malen flächiger, gedeckter und zugespitzter, verleihen dem Blick ihrer Modelle mit einem katzenhaften Schwung der Augen eine fast dämonische Fremdartigkeit. So expressionistisch ist Erbslöhs malerische Entwicklung noch nicht gediehen. Er, der Stille, ist soeben dabei, sich von den überkommenen Doktrinen seiner akademischen Ausbildung zu lösen. An den harten, tintenschwarzen Umrissen der russischen Maler, ihrem Mut zur Fläche und zu immer stärkerer Abstraktion arbeitet sich der Sohn einer vermögenden Kaufmannsfamilie nur zögerlich, aber konsequent ab.

          Mag es an der ihm eigenen Zurückhaltung liegen oder an den lauten, malerischen Eskapaden seines Künstlerkreises: Adolf Erbslöh ist ein Mann der zweiten Reihe. Ein talentierter Maler von Porträts, Waldstücken und Landschaften, ein wohlwollender Kunstmäzen, ein Mann der alten Schule und der feinsinnigen Diplomatie, ja. Aber zu unauffällig für die Spitze der schnelllebigen, impulsiven Avantgardekunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Ihm, dem Leisen, soll in der Kunstgeschichte eine andere Rolle zukommen: die des Kupplers im Hintergrund, des „Avantgardemachers“, wie ihn die Ausstellung im Von der Heydt-Museum Wuppertal nennt, die ihn so umfassend vorstellt wie noch nie; und zwar nicht nur als Künstler, sondern vor allem als Netzwerker und Sammler.

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