https://www.faz.net/-gqz-77nwq

Kunst in der NS-Zeit : Bilder aus dem Giftschrank

  • -Aktualisiert am

Enorm hohe Summen

Wenngleich der Begriff „entartet“ auf die Kunst der Moderne angewandt wurde, so handelte es sich dabei doch um weit mehr als um die Diffamierung von Stilrichtungen. Die von den Nationalsozialisten synonym verwendete Bezeichnung einer degenerierten „jüdisch-bolschewistischen“ Kunst macht deutlich, dass hier eine vordergründige Auseinandersetzung mit Kunststilen genutzt wurde, um ein antisemitisches Feindbild zu propagieren.

Die Ausstellung im Erdgeschoss zeigt - abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen - die Kehrseite dessen, was im Obergeschoss zu sehen ist: Vorzeigeobjekte dessen, was in der nationalsozialistischen Kunst- und Kulturpolitik als vorbildlich galt. Das Würzburger Museum hatte Ende 2011 begonnen, die besondere Sammlungsgeschichte des Hauses aufzuarbeiten: 1941, mitten im Krieg gegründet, wurde das Museum zum Prestigeprojekt des nationalsozialistischen Oberbürgermeisters Theo Memmel und des Galerieleiters und Malers Heiner Dikreiter, die Sammlung bestand aus mittelfränkischer Kunst seit dem 19. Jahrhundert und reichsweiter zeitgenössischer Kunst. Gekauft wurden die Werke auch auf den jährlich stattfindenden NS-Schauen in München. Keine Stadt erwarb dort zwischen 1938 und 1943 so viel Kunst wie Würzburg. Insgesamt 97 Werke für rund 155 000 Reichsmark.

Aufarbeitung der Vergangenheit

Dikreiter, der maßgeblich für den Aufbau der Sammlung verantwortlich war, stellte sich voll in den Dienst der nationalsozialistischen Kulturpolitik. Er blieb, nachdem er nach dem Krieg von einem Spruchkammergericht als Belasteter angeklagt und aufgrund mehrerer Persilscheine als Mitläufer eingestuft worden war, bis 1966 im Amt und kaufte weiterhin Werke, etwa des von Hitler protegierten Malers Hermann Gradl.

Die Würzburger Ausstellung „Tradition und Propaganda“ präsentiert mit 90 Werken von insgesamt 60 Künstlern nun einen repräsentativen Ausschnitt der rund 1300 Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Grafiken von 1933 bis 1945 aus dem Bestand des Museums. Zu jedem Werk gibt es ausführliche Einordnungen, Interpretationen und vor allem Informationen über die Herkunft. Auf vorbildliche Art und Weise wird hier die eigene Geschichte aufgearbeitet: Unter den ausgestellten Stücken gibt es eindeutige Propagandabilder, aber auch viele eher harmlose Landschaftsdarstellungen, die erst im Zusammenhang mit der Deutschtümelei und der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis politische Funktionen erfüllten. Unter den Künstlern gibt es viele eher regionale und weniger prominente, aber auch damals im ganzen Reich bekannte wie Hermann Gradl, Paul Mathias Padua oder Ferdinand Spiegel, die von Hitler in eine besondere Liste der „Gottbegnadeten“ aufgenommen worden waren.

Eine Frage bleibt

Was man auf den Bildern sieht? Ausschließlich Konkretes, meist dunkle Farben, intakte, idyllische Natur, ländliche Umgebung, heroische Posen, bäuerliche Arbeit, idealisierte weibliche Akte. Was man nicht sieht? Abstraktes, städtische Szenen, Menschen in Trauer, Angst, Verzweiflung. Die Ausstellung zeigt, dass Kunst im Nationalsozialismus immer wieder auf das akademische Repertoire des 19. Jahrhunderts zurückgriff und dabei zwar nicht immer, aber sehr oft reichlich Kitsch und Schwulst produzierte.

Der Betrag, der der Stadt Würzburg für die Museumsankäufe zur Verfügung stand, stieg von 3000 Reichsmark im Haushaltsjahr 1930/1931 über 170000 Reichsmark im Jahr 1941 auf 450000 Reichsmark im Jahr 1942 - ein unglaublich hoher Etat für eine Stadt wie Würzburg, und das mitten im Krieg. Eine Frage bleibt, die leider weder in der Ausstellung noch im ansonsten hervorragend recherchierten Katalog beantwortet wird: Woher kam das viele Geld? Und wie viel davon stammte womöglich aus den Vermögen enteigneter, vertriebener und ermordeter Juden?

Weitere Themen

Topmeldungen

Nahostkonflikt : Israels Militär droht Hamas mit gezielten Tötungen

Israels Raketen zerstören ein Hochhaus mit Journalistenbüros im Gazastreifen. Der Armeesprecher kündigt weitere Angriffe auf die Führungsriege der Hamas an. Iran stellt sich hinter sie. Und US-Präsident Biden telefoniert — mit Israels Regierungschef Netanjahu und Palästinenserpräsident Abbas.
Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

Grüne : Baerbock will als Kanzlerin Flugreisen verteuern

Solaranlagenpflicht für Neubau, Kurzstreckenflüge sollen obsolet werden: Annalena Baerbock kündigt ein „Klimaschutzsofortprogramm“ an, sollte die Grüne im September Kanzlerin werden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.