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„Kunst für Alle“ in der Schirn : Die Schönheit aus dem Druckstock

Die Kunsthalle Schirn in Frankfurt zeigt ein vergessenes Kapitel des Wiener Jugendstils. Zu bestaunen ist die Technik des Farbholzschnitts, die viele Künstler auf neue Ideen brachte.

          3 Min.

          Wie alle Reformbewegungen um 1900 wünschte sich auch die Wiener Moderne, Kunst in die ganze Gesellschaft zu tragen. „Wir kennen keine Unterscheidung zwischen ,hoher Kunst‘ und ,Kleinkunst‘, zwischen Kunst für die Reichen und Kunst für die Armen“, verkündeten die Secessionisten in ihrer Zeitschrift „Ver Sacrum“, und auf der von Gustav Klimt mitorganisierten Wiener Kunstschau von 1908 forderte dieser die „Durchdringung des Alltages mit Kunst“. Nun waren Klimts Prachtwerke schon damals nur für wenige erschwinglich. Gleiches galt für die Produkte der Wiener Werkstätten. Der Bereich, in dem die Künstler ihrem demokratischen Anspruch am nächsten kamen, war die Druckgraphik, von der 1908 tatsächlich eine Menge zu sehen war, gleichwertig präsentiert neben Malerei und Skulptur.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Klimt, Schiele und Kokoschka selbst interessierten sich nicht besonders für Drucktechniken, was einer der Gründe dafür sein mag, dass der regelrechte Boom beinah in Vergessenheit geriet, den der Farbholzschnitt in Wien in den Jahren 1900 bis 1910 erfuhr. Einige verblüffende Ergebnisse dieses Kapitels Kunstgeschichte zeigt jetzt eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn, die im Herbst in die Albertina Wien weiterwandern wird.

          Am ehesten mögen die Papageien, Affen und Tiger im Gedächtnis sein, die Ludwig Heinrich Jungnickel nach Vorlagen im Tierpark Schönbrunn anfertigte, und Carl Molls idyllische Szenen, die bis in die dreißiger Jahre aufgelegt wurden, wie etwa seine Mappe mit Beethoven-Häusern. Doch hat die Schau mit zweihundertvierzig Blättern von gut vierzig, teils vergessenen Künstlerinnen und Künstlern noch weit spannendere Entdeckungen zu bieten. Da ist etwa Gustav Marischs senfgelber „Flötenbläser“ von 1910, der in einer Landschaft sitzt, die aussieht, als sei sie aus mit Klimtschem Glitzer-Guss überzogenen Torten gebaut. Das Ornamentale, Stolz des Wiener Jugendstils, ist hier so herrlich überdreht wie in Anton Eichingers „Till Eulenspiegel“ um 1903, der eine kleine Eule mit Lorbeerkranz - vielleicht eine Anspielung auf Klimts „Pallas Athene“? - wie ein Schoßtier herumträgt.

          Ästhetische Alleingänge

          Es war gerade der Widerstand des Materials, den die Künstler am traditionellen Medium des Holzschnitts schätzten, der seine letzte Blüte mit Cranach und Dürer gehabt hatte und von Gauguin und Munch wiederentdeckt worden war. Die sechste Secessions-Ausstellung mit japanischer Kunst hatte die späte Wiener Japonismus-Rezeption angestoßen und ließ Emil Orlik 1900 und 1904 selbst zwei Studienreisen nach Japan unternehmen. Drei seiner Drucke, am Anfang der Ausstellung präsentiert, zeigen die dortige Arbeitsteilung: Der Maler entwirft das Motiv, der Holzschneider schnitzt den Druckstock aus Kirschholz, und der Drucker fertigt die Abzüge.

          In Europa mit seinem Kult des Originals wurden freilich alle Schritte von einer Künstlerhand erledigt. „Ver Sacrum“, die zwischen 1898 und 1903 meist im Zwei-Wochen-Takt erscheinende Zeitschrift, die von Künstlern in ganz Europa, darunter Ernst Ludwig Kirchner, studiert wurde, druckte mit ihrer Auflage von bis zu fünfhundert Stück Druckgraphik maschinell, bot darüber hinaus aber Handabzüge der Künstler an. Auch die Jugendstil-Zeitschrift „Die Fläche“, die zwischen 1901 und 1903 nur zweimal erschien, bot ihren Lesern hochwertige Drucke aus Wiener Produktion. Zentren des Farbholzschnitts waren die Secession und die Kunstgewerbeschule, an der seit ihrer Gründung 1867, anders als an der Akademie, auch Frauen studieren durften. Gewerbeschul-Professor Koloman Moser gehörte 1903 zu den Mitbegründern der Wiener Werkstätte, in deren Lokal am Graben aktuelle Graphik angeboten wurde.

          Die - anscheinend - niedrigschwellige Technik brachte Lehrer und Schüler zusammen, befreite von Routinen und regte teils zu ästhetischen Alleingängen an, die im Rückblick frappierend sind, weil sie ganz aus der Zeit zu fallen scheinen: In einer unsignierten Zirkusszene sind die grotesk in die Länge gezogenen Häuser und Figuren aus der Achse gekippt wie später bei Lyonel Feininger. Carl Anton Reichels stark stilisierte, vor Stolz strotzende Frauenakte erinnern an Alex Katz.

          Ein scheinbar abseitiges Thema populär präsentiert

          Und die „Rauchende Grille“ von Ludwig Heinrich Jungnickel von 1910, die angeblich als Werbemotiv für eine Tabakfirma entstand und kaum gedruckt wurde, sieht so sehr nach Art déco aus, dass der Kurator Tobias G. Natter die Datierung ungläubig mehrmals prüfte. Ein Druck von der heute unbekannten Fanny Zakucka aus dem Jahr 1903 ist dagegen ein, zu früh in die Zeit verirrtes, kleines Meisterwerk abstrakter Kunst: Eine Flucht im Schloss Schönbrunn ist auf blaue und gelbe Flächen reduziert, die sich grün färben, wo sie sich überlagern.

          Eine etwas einfache Pointe am Schluss ist Viktor Schufinskys wunderbar abseitiger „Schwertkämpfer“ von 1914, immerhin das jüngste Werk, dessen schwarze Quadrate an frühe Computergraphik erinnern - während die Zeitgenossen ihrerseits wohl eher an Webmuster dachten. Betonten die einen, wie Carl Moll, die kernigen Konturen, versuchten andere sie aufzulösen, wie Carl Moser, der für seinen „Weißgefleckten Pfau“ von 1906 die Farben mit Pinsel auf vierzehn Druckstöcke auftrug und so fast die Farbabstufung einer Gouache erreichte. Das Motiv wurde tatsächlich mehr als fünfhundert Mal verkauft, wobei freilich nicht jeder Abzug die gleiche Hingabe erfuhr.

          Mit nebeneinander präsentierten Abzügen und Druckstöcken veranschaulicht die Ausstellung auch die Grundlagen der Technik. Zusammen mit dem reichhaltigen Katalog gelingt es so, ein scheinbar abseitiges Thema populär zu präsentieren, ganz im Anspruch der damaligen Zeitschrift: „Kunst für Alle“.

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