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Kunst und Fotografie : Dann lasse ich mich eben daguerrotypieren

Auf einem Märchenball posiert der Bildhauer Oehlmann 1862 in München mit einem Freund als Hause und Igel. Bild: Münchner Stadtmuseum

Unter keinen Umständen Kunst? Die Ausstellung „Licht und Leinwand“ in Nürnberg zeigt die wechselvolle Geschichte von Malerei und Fotografie im 19. Jahrhundert.

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          In sein Modell muss Franz von Lenbach geradezu vernarrt gewesen sein. Er malte es im Verlauf von zwanzig Jahren an die achtzigmal, zuletzt zeichnete er 1898 die vertrauten Züge des gerade Verstorbenen auf dem Totenbett: Otto von Bismarck, dessen Machtfülle und späteren Abstieg der Maler Lenbach aus einiger Nähe beobachtet hatte, scheint für den Künstler interessanter gewesen zu sein als jedes andere Sujet. Neben der kleinen Auswahl von zwei gemalten Bildern aber, die nun aus Lenbachs Bismarck-Produktion in Nürnbergs Germanischem Nationalmuseum zu sehen sind, hängt eine Fülle von Fotografien, die den einstigen Reichskanzler zeigen: stehend, sitzend, mit Hut und Stock, nur mit Hut, nur mit Stock, mit Hunden oder in Uniform. Und im Hintergrund, verlegen lächelnd, der Ateliergehilfe.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Fotos dienten dem Maler als Erinnerungsstütze und Vorlage zwischen den Sitzungen mit dem Modell, und so wie Lenbach dürfte damals die Mehrheit seiner Kollegen gearbeitet haben, wenn sie ein Porträt anfertigten. Betont wurde von ihnen zugleich eine klare Hierarchie der Medien: Eigentlich künstlerischem Anspruch genügt nur das Gemälde, während das Foto in ihren Augen ein bloßes Hilfsmittel ist. In einer Umfrage für das der Fotografie gewidmete Jahrbuch „Gut Licht!“ von 1896, ob es sich bei fotografischen Arbeiten um ein „Kunstwerk“ oder „um das wohlgelungene Ergebnis eines mehr oder weniger mechanischen Verfahrens“ handele, urteilten Maler wie Max Liebermann, Franz Stuck oder Hans Thoma einhellig, ein Foto sei „unter keinen Umständen“ (Stuck) als Kunstwerk zu betrachten, „da Kunst Auffassung nicht Abschreiben der Natur“ (Liebermann) bedeute.

          Heinrich Kühn: Holländische Wäscherin, um 1900. Gummidruck auf Aquarellpapier.

          Vielleicht gab gerade die große Sicherheit, mit der diese Auffassung geäußert wurde, einen Anstoß zur Nürnberger Ausstellung „Licht und Leinwand“, die nun das Verhältnis von Malerei und früher Fotografie beleuchtet und es dabei als sehr viel komplizierter ausweist, als die von „Gut Licht!“ befragten Maler behaupten. Das Bild, das sich im Verlauf der so umfangreichen wie klugen Ausstellung von diesem Verhältnis ergibt, schwankt naturgemäß – nicht nur wegen unterschiedlicher ästhetischer und sozialgeschichtlicher Fragen, die an dieses Verhältnis gerichtet werden, sondern auch wegen der Dynamik des betrachteten Zeitraums zwischen 1839 und etwa 1910. Die Kernfrage ist aber immer an die der Ähnlichkeit zum Sujet geknüpft, zum Gegenstand, dem die Arbeit des Malers oder des Fotografen gilt, auch wenn genau dies je nach Zusammenhang von den jeweiligen Zeitgenossen der Urheber wie von diesen selbst höchst unterschiedlich bewertet wird.

          Das beginnt gleich in jenem Abschnitt der Ausstellung, der sich der Ausgangssituation um das Jahr 1839 widmet, als sich die Daguerrotypie, die Frühform der modernen Fotografie, durchsetzt. Die von Leonie Beiersdorf kuratierte Schau – die, was die Gemälde angeht, fast komplett auf eigene Bestände setzt und im fotografischen Teil immerhin zur Hälfte – setzt einen Akzent mit derart prächtigen, selbstgewiss schimmernden Porträts, dass man sich neben Friedrich von Amerlings Schadow oder Jules Lunteschütz’ Schopenhauer keine Fotografie jener Zeit vorstellen kann, die die Porträtierten so lebensecht und spannend abbilden könnte.

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