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Kunst-Events : So geht das alles nicht weiter

  • -Aktualisiert am

Noch nie war das Interesse an Gegenwartskunst so groß - und noch nie sah sie so schlecht aus. Gibt es Rettung? Und wenn ja, wo? Julia Voss und Niklas Maak erinnern an Biennale und Documenta - und berichten aus Manchester und Venedig.

          7 Min.

          Hier erst mal die gute Nachricht: Noch nie war das Interesse an Gegenwartskunst so groß wie in diesem Jahr. Die Documenta in Kassel stellte mit 750.000 Besuchern einen neuen Besucherrekord auf, bei Auktionen wurden weltweit erstmals mehr als eine Milliarde Dollar umgesetzt, und in Venedig, Basel und Kassel sah man vor lauter Galeristen, Künstlern und Kunstfreunden fast keine Touristen mehr. Das ist aber auch fast schon alles, was es Erfreuliches zu berichten gibt - denn noch nie traf ein so großes Interesse an Gegenwartskunst auf so wenig Qualität, und so, wie es in diesem Jahr war, kann es mit der Kunst leider nicht weitergehen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Zwei große Ausstellungen gab es, an die im Vorfeld besonders hohe Erwartungen gestellt wurden, die Biennale und die Documenta, die Hoffnungen waren groß, doch dann fuhr der Kunstkarren erst Anfang Juni in Venedig ordentlich gegen die Wand, um eine Woche später in Kassel, wo eigentlich alles besser werden sollte, endgültig in seine Einzelteile zu zerfallen.

          Wie konnte es dazu kommen?

          Wenn man wissen will, wie die Kunst aus dem Schlamassel wieder herauskommen soll, in dem sie gerade steckt, muss man sich fragen, was hier grundsätzlich schiefgelaufen ist - und wo es angefangen hat.

          Die Kunstpleite in Venedig war am Ende eine Folge des zu großen Interesses an Gegenwartskunst: Auf der Biennale war deutlich zu erkennen, was passiert, wenn überforderte Künstler in immer kürzeren Intervallen immer mehr Kunstwerke produzieren müssen. Selbst so brillante Künstler wie Francis Alÿs hievten in Venedig Dinge in den Stand eines fertigen Kunstwerks, die man früher allenfalls als Materialsammlungen hätte durchgehen lassen.

          Zwischen Paranoia und Kirchentag

          Jetzt hatte man nur noch die Documenta, auf die man sich freuen konnte. Der Kurator Roger M. Buergel hatte einen „Zauberwald“ versprochen und eine „Migration der Formen“, und während man noch rätselte, was all das bedeuten solle, rammte er Pavillons aus Plexiglas in die Aue und malte in allem, was schon stand, die Wände bunt.

          Das klingt vielleicht interessant, war es aber nicht. Denn in Kassel begegnete man einem Phänomen, mit dem man auch in Venedig zu tun hatte: der Torsokunst. Ein Beispiel: Die Documenta-Künstlerin Martha Rosler hatte in Kassel Maulwurfshügel fotografiert. Warum? Der Documenta-Katalog erklärt es so: Der Maulwurfshügel sei metaphorisch zu verstehen, im Rasen breche das „lokale Unbewusste“ hervor, nämlich: „Zugeschüttete Geschichte: Wiederaufbaupropaganda angesichts der nahen Zonengrenze, Bombenangriffe der Alliierten, die die Stadt in Schutt und Asche legten, Dominanz der Rüstungsindustrie, damals wie heute. Kassel, eine Arbeiterstadt mit hohem Arbeitslosenanteil“.

          So etwas ergibt nicht nur syntaktisch keinen Sinn. Zu Arbeitslosen oder zur Rüstungsindustrie würde man gerne einen guten Dokumentarfilm sehen oder eine gut recherchierte Geschichte lesen, der Maulwurfshügel erzählt nicht allzu viel darüber, der Katalog aber viel über das Missverhältnis zwischen dem Pathos der Beschreibung und der Folgenlosigkeit des Objekts.

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