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Kunst : Ein Boden für die Boheme

Mitte der Siebziger traf die Designerin Claudia Skoda auf Martin Kippenberger. Eine Allianz aus Mode und Kunst, deren Frucht - ein Laufsteg aus 1300 Fotos - jetzt ausgestellt wird.

          Man traf sich auf Ibiza. Mitte der siebziger Jahre war das noch nicht der Ort, wo Ecstasy-gesteuerte Jugendliche Tanz-Marathons veranstalten. Damals versammelten sich dort ein paar Hippies am Strand, spielten Gitarre, tranken und rauchten Joints.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Martin Kippenberger und Claudia Skoda waren Anfang Zwanzig. Er filmte mit seiner Super-8-Kamera seine Umgebung, sie war mit einer Freundin und dem VW-Bus über Barcelona nach Ibiza übergesetzt und verkaufte ihre Kleider am Strand. „Claudia Skoda - chic in Strick, kennengelernt in San Carlos, Anitas Bar, mit vielen Schönen am Tisch drumherum“, schrieb Kippenberger später über die Begegnung. Die Modedesignerin lud den Künstler nach Berlin ein. Ein Jahr später tauchte er in ihrer Fabriketage auf. Damit begann seine Berliner Zeit, sagen die Kunstkritiker heute.

          Das West-Berlin der Achtziger

          Fast dreißig Jahre später sitzt Claudia Skoda, chic in Strick, in einem kleinen Restaurant in Mitte und denkt an früher. Die Geschichten, die man von ihr hören will, ranken sich um das West-Berlin der achtziger Jahre, um eine Fabriketage in Kreuzberg, um Punkbands, Subkultur, um eine Freundschaft zu einem Künstler, der später ein Star wurde, und um einen Boden, der heute im Museum liegt.

          Daß Menschen sich für eine Zeit interessieren, die lange hinter ihr liegt und die plötzlich ausgegraben und analysiert wird wie ein archäologisches Fundstück, kommt ihr ein bißchen komisch vor. Die Rolle der Zeitzeugin liegt ihr nicht. „Wiederkäuen finde ich furchtbar. Ich habe auch in der Mode immer nach vorne geschaut.“ Und ihr eigenes Leben gelebt - nicht im Schatten der großen Namen, sondern an der Seite von ihnen.

          David Bowie kam vorbei

          Im Berlin der achtziger Jahre war Claudia Skoda eine Figur mit integrativer Kraft. Die Fabriketage an der Zossener Straße in Kreuzberg, in der sie mit Künstlern lebte und arbeitete und die den Namen „Fabrikneu“ trug: ein Tummelplatz der Avantgarde von damals. Iggy Pop und David Bowie kamen vorbei, wenn Skoda ihre Modenschauen inszenierte.

          Es ging nicht darum, daß junge Frauen hin und her laufen und dabei lächeln. Ihre Models waren Akteure, die Schau ein Spektakel. Für die Performance „Big Birds“ schickte sie die Mannequins zur Vorbereitung in den Zoologischen Garten, damit sie studieren konnten, wie Vögel sich bewegen, und das auf dem Laufsteg imitieren. Ganz Berlin sprach von ihren Happenings. Man verglich „Fabrikneu“ mit Andy Warhols Factory in New York.

          Zigarette und Bacardi-Cola

          In diesem Dunstkreis tauchte 1976 Kippenberger auf. Er filmte Claudia und alle Freunde, er fotografierte ihre Arbeit, die Herstellung ihrer Strickmodelle, die Modenschauen. Das Bild, das sich Skoda von ihm bewahrt hat, ist das von dem Mann mit der Zigarette und dem Glas Bacardi-Cola in der Hand. Vielleicht war sie so etwas wie seine Muse, vielleicht aber auch nur ein Mensch in seinem Umfeld, der als Puzzleteil diente für das Gesamtkunstwerk „Kippenberger“. „Wir haben uns gegenseitig befruchtet“, erzählt Claudia Skoda heute. Aber auch, daß Kippenberger damals schon berühmt werden wollte und einen Hang zur Selbstdarstellung hatte. „Er inszenierte sich als Kunstwerk“, sagt sie. Manche nannten das „Zwang zur Selbstmythologisierung“.

          Ausdruck dessen war wohl Kippenbergers monumentale Hinterlassenschaft an der Zossener Straße. Er entwarf einen Laufsteg aus 1300 Fotos von Claudia, ihren Freunden und sich selbst. Einen „fotografierten und geklebten und versiegelten Fußboden aus einer Woche Intimleben mit der Fam. Skoda und Bekanntenkreis“, schrieb er später. Vielleicht wird er schon gewußt haben, daß er mit der Collage etwas für die Nachwelt schuf, die das Werk erst nach seinem Tod entdeckte.

          Arbeiten nach dem Lustprinzip

          Was die heterogene Gruppe verband, die sich damals an der Zossener Straße traf, war die Idee vom anderen Leben. Man wollte unabhängig sein, unkonventionell, leben und arbeiten war eins. Die Allianz aus Mode und Kunst, die heute von den großen Designermarken kommerziell genutzt wird, hatte nichts Berechnendes. „Wir arbeiteten ausschließlich nach dem Lustprinzip. Die Shows waren Stimulanz für uns.“ Die Mode geriet dabei mitunter in den Hintergrund. „Damals habe ich manchmal nur Sachen entworfen, um eine Performance zu machen.“

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