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Kunst des Lesens : Gemaltes liegt so gut in der Hand

Eine sehr ernsthafte Leserin: Jacques Darets „Porträt einer Dame“ um 1435 Bild: Dumbarton Oaks Museum, Washington, D.C

Was wissen wir eigentlich über das Lesen? Der Philosoph Ulrich Johannes Schneider ergründet es anhand künstlerischer Darstellungen. Dabei lenkt er den Blick auf den „Finger im Buch“.

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          „Die unterbrochene Lektüre im Bild“ steht auf der linken Seite vor dem Titelblatt, hinter einer gezeichneten Hand, deren überlanger Zeigefinger darauf hinweist, wie in einer etwas altmodischen Gebrauchsanleitung: hier öffnen. So ein Finger ist bestens geeignet als eben „Der Finger im Buch“, der dort steckt, wo gerade innegehalten wird. Um gleich fortfahren zu können, nach einer Unterbrechung, welche Ursache sie auch immer gehabt haben mag. „Über das Lesen als Problem“ ist dann die Einleitung überschrieben. Allerdings wird es überhaupt nicht problematisch, sondern ausgesprochen anregend.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Für eine reich gekleidete, bestimmt gebildete Dame – sie kann ja lesen – aus dem fünfzehnten Jahrhundert auf dem Porträt von Jacques Daret ist es gewiss eine Störung, die ihren Blick ins Leere lenkt, während der Daumen ihrer linken Hand zwischen den Seiten eines Buchs liegt. Bei der Lektüre handelt es sich wahrscheinlich um ein wertvolles Stundenbuch voller Bibelstellen, Gebete und Fürbitten, das zum Schutz in einen Stoff- umhang gehüllt ist. Ihm hatte sie sich gerade hingegeben. Das Bild enthält so „ein Drama, einen Konflikt zwischen dem, was sein soll, und dem, was ist“.

          Der Verfasser Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig und Professor für Philosophie am Institut für Kulturwissenschaften der Universität, hat eine echte Lücke ausgemacht. Frage man nämlich Theoretiker wie Historiker und Kulturwissenschaftler, was beim Lesen selbst denn geschehe, so schreibt er, schaue man „in ratlose Gesichter; sie untersuchen das Gelesenhaben, die vollendete Lektüre“.

          Was Schneider indessen will, ist, analytisch über das Lesen zu räsonieren, und er befindet: Glücklicherweise existiere eine Art Spiegelung der Lesekultur in einem nicht selbst literarischen Medium, nämlich der Kunst. Dreißig Kunstwerke – Gemälde, Grafiken, Skulpturen und Fotografien – betrachtet er deshalb näher mit einer Intensität, die sich eine philosophische Inspektion nennen lässt unter Einbezug sozialer und gesellschaftlicher Umstände. Wobei er sich für die unterbrochene Lektüre eben auf das eher seltene Motiv des Fingers im geschlossenen Buch konzentriert. Lesende in offenen Büchern, mit Händen darauf und daneben, so ließe sich ergänzen, sind in der Kunst durchaus vertraut.

          Charmant ist, dass Schneider seinem beim Lesen unterbrochenen Personal auch gern geeignete Lektürevorschläge mitgibt. So traut er Peter Paul Rubens’ „Isabella Brant“, die beinah lasziv über schwellendem Dekolleté in den Raum zu blicken scheint, zu, dass das kleinformatige Büchlein, in das ihr rechter Zeigefinger taucht, Gedichte enthält oder Ottavio Rinuccinis Libretto für „L’Euridice“, eine der ersten Opern überhaupt, komponiert von Jacopo Peri – Sehnsuchtsstoff allemal für die verträumt nachsinnende Dame. Ganz anders erfasst ist ein junger Dominikanermönch auf Juan Bautista Maínos Porträt „Bruder Alonso Enriquez“.

          Ulrich Johannes Schneider: Der Finger im Buch. Die unterbrochene Lektüre im Bild, 177 S. Softcover, Meyer, Piet Verlag, 28,40 Euro.

          Der war der uneheliche Sohn des spanischen Königs Philipp IV. und einer Gräfin im Dienst von dessen Gattin. Er scheint sich, mit innerlich bewegtem Gesichtsausdruck und die Kutte wie eine Bürde tragend, an ein Büchlein mit schwarzem Schnitt fast zu klammern, in dem sich die Ordensregeln vermuten lassen. Später wird der ins Kloster geflohene Alonso, erklärt uns Schneider, mit 37 Jahren Bischof von Andalusien werden.

          Das Buch ist in Kapitel unterteilt wie „Lesen als Hingabe“ oder auch „Lesen verändert“, jeweils mit Deutungen der Kunstwerke. Unter „Lesen entführt“ firmiert Allan Ramseys Doppelporträt der „Nichten von Horace Walpole“ von 1765. Während die eine der Schwestern von ihrer Stickerei aufblickt, schaut die andere stehend in deren Richtung, ein wohl noch ungebundenes Buch in der linken Hand haltend, in dem ihr Zeigefinger steckt.

          Lesbar wird das als Beschreibung unterschiedlicher gesellschaftlicher Rollen, nicht zuletzt bildungsgeschichtlich, wobei der Schauerroman von beider Onkel Walpole, „The Castle of Otranto“, seine Rolle haben könnte, der 1764 zunächst anonym erschien. Dass endlich Maria, die einst Mutter Gottes sein wird, als Leserin eine Sonderposition einnimmt, lässt Schneider in seinem kleinen Panoptikum nicht aus: Diese Lesende sei verwandelt und könne nicht so weiterleben wie bisher. Francisco de Zurbarán lässt auf seinem zauberischen Gemälde „Die Jungfrau Maria als schlafendes Mädchen“ ungeachtet der physiologischen Überwältigung dennoch die kleine Hand zwischen den Seiten des gewichtigen Buchs verweilen, in dem ihre Zukunft geschrieben steht.

          Ulrich Johannes Schneider ist Leiter der Leipziger Universitätsbibliothek und lehrt Philosophie in Leipzig.

          So ist es mit dem Akt des Lesens, bei dem die Bücher mit einem machen können, was sich eine Transformation nennen lässt. Im Abschnitt „Über Lesen und Haptik“ zitiert Schneider Roland Barthes’ Satz aus dem Essay „Über das Lesen“: Die Lektüre sei eine körperliche Geste, denn man lese nun einmal mit seinem Körper, sie setze und verändere aber zugleich dessen Ordnung. So könne der Finger im Buch, folgert Schneider, heute zur „Sehnsuchtsgeste in Richtung buchgebundener Literatur“ werden. In Richtung einer Nähe vielleicht überhaupt, wo physische Distanzierung herrscht, ließe sich hinzufügen.

          Schneider beschenkt uns mit kleinen gelehrten Erzählungen. Wer ihnen folgt, wird das eine oder andere Mal selbst seinen Finger in dieses Buch stecken – das übrigens dankenswerterweise einen flexiblen Umschlag hat, mithin bei der Lektüre nicht so leicht entgleitet –, um nachzusinnen. Doch nach dem „Gelesenhaben“ des geistvollen Breviers, das gerade im Piet Meyer Verlag erschienen ist, holen wir einen eigenen Liebling zum Thema aus der Ansichtskartensammlung hervor: El Grecos „Fray Hortensio Félix Paravicino“, das Bildnis des spanischen Trinitariermönchs, Dichters und engen Freunds des Künstlers.

          Wohin dieser schönäugig schaut, gleich zwei seiner überschlanken Finger in zwei Bücher steckend, soll uns ein Rätsel bleiben. Ulrich Johannes Schneider wird ihn kennen, ihm sein Geheimnis lassend, denn: „In solchen Augenblicken der Unterbrechung ist das Lesen ganz bei sich, gewissermaßen auf dem Höhepunkt einer körperlich gewordenen Verbindung von Buch und Finger, einer Verkoppelung von Text und Individuum.“ Schließlich gehören das Lesen und die Erotik schon immer untrennbar zusammen.

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