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Kunst der Superlative : Die Technik und die Leere

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Er ist der erfolgreichste Künstler seiner Generation. In New York wird er demnächst vier vierzig Meter hohe Wasserfälle einweihen. Das größte Problem von Olafur Eliasson ist seine Sucht nach immer neuen Superlativen.

          6 Min.

          Wer vor ein paar Monaten in Olafur Eliassons Berliner Atelier kam, hätte dort vieles vermutet, aber kaum einen Künstler. Es sah eher aus, als werde dort eine Marsexpedition vorbereitet: An der Decke drehten sich meterbreite Spiegel, in der Ecke stand das Fahrgestell eines wasserstoffbetriebenen Autos, jemand testete einen Scheinwerfer, der Blinksignale auf futuristische Gitterstrukturen warf.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Je nach Auftragslage beschäftigt Eliasson bis zu fünfzig Mitarbeiter, und zurzeit rotiert seine Manufaktur: Der 1967 in Kopenhagen geborene Künstler produziert eine Ausstellung nach der anderen - allein im vergangenen Jahr waren es einundzwanzig; im New Yorker Museum of Modern Art läuft die große Soloschau „Take your Time“, in Barcelona „The nature of things“, in München wird sein „BMW Art Car“ gezeigt, am kommenden Donnerstag eröffnet in New York ein Projekt, das nach dem Willen des Stadtmarketings sogar Christos „Gates“ in den Schatten stellen soll: Im East River baut Eliasson vier vierzig Meter hohe Wasserfälle, jede Minute werden Tausende von Litern in die Höhe gepumpt; die Stadt hofft auf einen Touristenansturm und damit verbundenene 55 Millionen Dollar Mehreinnahmen.

          Monströse Dimensionen

          Eliassons Kunst sprengt die Grenzen bisheriger Superlative. Eliasson wird nicht nur von zahlreichen Medien als „bedeutendster Künstler der Gegenwart“ gefeiert, er ist auch längst zum Liebling von Reiseveranstaltern, Spekulanten und Konzernen wie BMW oder Vuitton geworden. Und irgendwann stellt sich dann doch die Frage: Geht das? Gibt es einen Punkt, wo es umschlägt? An dem ein Künstler monströs wird, seine Werke, wie die Dinosaurier, an ihrer Größe zugrunde gehen?

          Spulen wir die Zeit einfach noch mal fünfzehn Jahre zurück: 1993 zeigt ein junger Künstler, sechsundzwanzig Jahre alt und noch Student der Königlich Dänischen Kunstakademie, in einem Raum Wassertropfen, die von der Decke zur Erde fallen; Licht bricht sich darin, ein Regenbogen entsteht. Er nennt die Arbeit „Beauty“. In Stockholm wachen 1998 die Bewohner eines Morgens auf, sie blicken aus dem Fenster und sehen ihren Fluss, der nicht mehr blau ist, sondern grün. Auch in Bremen, Los Angeles und im norwegischen Moss verfärben sich plötzlich die Flüsse: Wie die Tinte eines unbekannten Tieres scheint vom Grund her Farbe aufzusteigen, die sich an der Oberfläche zu einem Teppich zusammenschließt und den Fluss hinuntertreibt - zu grün, um als natürlich durchzugehen, zu schön, um ein Chemieunfall zu sein. Eliasson hatte die Farbe benutzt, die Wissenschaftler zum Markieren von Flussverläufen verwenden. Gewundert haben sich kurz darauf auch die Pendler auf der Autobahn nach Utrecht, als sie die Sonne auf der verkehrten Horizontseite untergehen sahen; sie versank als gelber Kreis hinter Bäumen - bis der Künstler sie wieder abholte: eine knapp vier Meter messende Scheibe. Der Trick war überraschend einfach.

          Neue Themen, aufwendig verpackt

          „Double Sunset“ oder „Green River“ heißen diese Arbeiten, und für viele waren sie ein Versprechen. Mit Eliasson zogen neue Themen in die Kunst ein, es schien, als würde sie aus dem ewigen Frageteufelskreis ausbrechen, ob, wie und an was die Kunst Kritik üben müsse. Die immer verschraubteren Hypothesen dazu wurden nicht einfach ausgesprochen, sondern umgetüftelt zu Installationen oder Assemblagen. Es gab dann Experten, die die aufwendig verpackten Gedanken wieder auswickelten; das Verhältnis von intellektuellem Arbeitsaufwand und Erkenntnisgewinn klaffte erheblich auseinander. Eliasson dagegen funktionierte auch bei Siebenjährigen. Das hatte es in der Kunst lange nicht mehr gegeben. Und während wir begannen, über schmelzende Gletscher und Ozonlöcher nachzudenken, brachen diese Werke wie Manisch-Depressive in die Kunst ein.

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