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Zwei Ausstellungen in Moskau : Die Geburt des Idealismus aus dem Geist der Katastrophe

  • -Aktualisiert am

In Europa zuhause: Die von Eckhart Gillen kuratierte Schau „Facing the Future. Art in Europe 1945-1968“ zeigt im Puschkin-Museum auch „Drei Monate nach dem Krieg“ von Eli Beljutin. Bild: dpa

Wir Kinder des Krieges: In Moskau zeigen das Puschkin-Museum und die Tretjakow-Galerie Kunst der Nachkriegszeit – und zwei gegensätzliche Strategien im Umgang mit dem Trauma.

          Die große Schau europäischer Nachkriegskunst ist nach ihren Stationen Brüssel und Karlsruhe mittlerweile in Moskau angelangt, dort, wo sie vor drei Jahren initiiert worden war, von Selfira Tregulowa, der damaligen Leiterin des staatlichen russischen Kunst- und Ausstellungsbüros Rosizo. Unter dem Motto „Die Zukunft im Blick“ versammelt das Puschkin-Museum zum ersten Mal in dieser Breite und Qualität Kunstwerke des ganzen Kontinents, die das Trauma des Zweiten Weltkriegs gestalten und Wege zu seiner Überwindung aufzeigen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Tregulowas damaliger Vorstoß erscheint heute geradezu visionär, denn trotz der dezidiert europafeindlichen Politik des Kremls scheint der Hunger nach kultureller Selbstverortung im europäischen Kontext bei der Intelligenzia eher zu wachsen. Inzwischen ist Tregulowa freilich Chefin des nationalen Kunsttempels, der Tretjakow-Galerie. Und dieses Haus flankiert nun die europäische Schau mit einer eher nostalgischen sowjetrussischen Ausstellung über annähernd dieselbe Epoche unter dem Titel „Tauwetter“.

          Zerstört und entstellt

          Der Katastrophe des Humanismus, den Kriegsgräueln selbst stellt sich bezeichnenderweise nur die Kunst im Puschkin-Museum. Hier begrüßt den Besucher die Skulptur „Zerstörte Stadt“ des weißrussisch-französischen Bildhauers Ossip Zadkine, eine Bronzefigur mit klagend erhobenen Armen, in deren Körpermitte ein Loch klafft.

          Mit einer Zeitleiste werden im Puschkin-Museum die künstlerischen Prozesse in der Nachkriegszeit verbildlicht.

          Hier hängen Graham Sutherlands schrecklich überzeichnete „Kreuzigung“ und Gemälde des polnischen „Empathischen Realisten“ Andrzej Wroblewski, auf denen getötete Zivilisten als giftig bläuliche Untote dargestellt sind. Die kompakten Aluminiumfiguren des sowjetrussischen Bildhauers Vadim Sidurs vergegenwärtigen, übereinandergestapelt oder auf Rohrstümpfe reduziert, das Töten und Verstümmeltwerden als industriellen Prozess.

          Indessen machen diese Erfahrung und die Versuche, sie figurativ zu bewältigen, den Drang nach ungegenständlichen Ausdrucksformen erst wirklich verständlich. Die von Eckhart Gillen und dem Leiter des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien, Peter Weibel, zwingend konzipierte Schau präsentiert die Strömungen des Informel, des Tachismus, der kinetischen Kunst als einen neuen Idealismus. Ihn verkörpern monochrome Bildtafeln und Lichtobjekte der Gruppe „Zero“, prachtvolle Schlierenbilder von K. O. Götz, aber auch kinetische Arbeiten des Kroaten Aleksandar Srnec sowie des Slowaken Milan Dobeš. Die altgediente These von der abstrakten West- und der eher gegenständlichen Ostkunst wird zusätzlich relativiert durch grazile erleuchtete Mobiles von Wjatscheslaw Koleitschuk und Francisco Infante-Arana, die für eine wissenschaftsoptimistische Bewegung in der inoffiziellen Sowjetkunst stehen.

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          Subtil-sarkastische Charakterisierung der DDR-Bourgeoisie

          Es ist zugleich ein besonderes Verdienst der Schau, dass sie das russische Publikum mit echten Meistern des malerischen Handwerks im früheren Ostblock bekanntmacht, die brillant mit dem Sozialistischen Realismus spielten. Einen Höhepunkt bildet Werner Tübkes der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands gewidmetes Diptychon „Weißer Terror in Ungarn“, das mit Bildmitteln eines Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel schildert, wie Proletarier Bürgerliche lynchen. Daneben prangt Hans Mayer-Foreyts Gesellschaftsstudie „Im Museum“, eine subtil sarkastische Charakterisierung der nach dem Schönen strebenden DDR-Bourgeoisie.

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