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Kunst : Das tapfere Dingschneiderlein

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Öffentliche Raumeroberung: Sand, Licht, Wasser, Orte und ihre Geschichte, das sind die Fixpunkte im Werk des Israelis Dani Karavan. Der Berliner Gropius-Bau widmet ihm nun eine Retrospektive voller Überraschungen.

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          Sand, hell und licht, darin ein Kreis, in einem Zug mit einem Stock geschlagen. „Sabra“, Feigenkakteen, die Symbol des Neuen Israel und der dort nach der Staatsgründung Geborenen sind, erheben sich über einem unter Wasser gesetzten Schienenstrang - eine dunkle Spur der Geschichte und deren Überwindung. Sand, Licht, Wasser, Orte und ihre Geschichte, Architekturen der Begegnung, das Wachstum der Natur und die industriell betriebene Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten - das sind die Fixpunkte im Werk des 1930 in Tel Aviv geborenen Dani Karavan.

          Wie kein Zweiter hat er seit den sechziger Jahren öffentliche Orte geschaffen, an denen sich der strenge Geist der Moderne zum Menschen hin öffnet. Karavans Art, mit Raum umzugehen, wird im Wort „Makom“ deutlich, das kanaanitische und arabische Wurzeln hat und im Hebräischen ein Gebiet bezeichnet, das jeder einnehmen kann. Stets wendet er sich konkreten Orten zu und arbeitet deren Besonderheit zeichenhaft heraus, indem er den Raum durch Wasserlinien, Stege, Treppen oder zerteilte Pyramiden und Kugeln aus hellem, mit Sand versetztem Beton, durch Passagen, Licht- und Schattenspiele Gestalt verleiht.

          Ein weiter Bogen

          Die Spannweite von Karavans Schaffen ist enorm, und so wartet die große Berliner Retrospektive, die vom Tel Aviv Museum of Art zusammengestellt wurde, wo sie ihre erste Station hatte, von Raum zu Raum mit anderen Überraschungen auf. Erstmals sind die künstlerischen Anfänge der vierziger Jahre zu sehen, Zeichnungen karger Landschaften, subtile Porträts und melancholische Stillleben, die nur scheinbar wenig mit Karavans Optimismus zu tun haben. Ein weiter Bogen spannt sich über das gesamte Werk. Er reicht vom gebauten Erlebnisraum des zwischen 1963 und 1968 entstandenen „Negev-Monuments“ bis zur Gestaltung der „Axe majeur“ in Cergy-Pontoise, an der der Künstler seit 1980 arbeitet, von dem erkennbar von Klee inspirierten bemalten Raum auf dem Passagierschiff „Shalom“ bis zu der über die Gischt des Atlantiks geschobenen Passage seines Denkmals für Walter Benjamin in Port Bou. „Ich bin ein Schneider“, sagt Karavan, „ich schneide die Dinge für einen Raum zu, passe meine Werke ihrem Ort genau an.“ Auch im Martin-Gropius-Bau ist ihm dies perfekt gelungen.

          Was nur wenige wissen: Karavan hat von Ende der fünfziger bis Mitte der siebziger Jahre hauptsächlich Bühnenbilder fürs Theater und die Oper entworfen, für das Cameri Theater in Tel Aviv wie für die Martha Graham Dance Company in New York. Modelle, Fotografien und Filmausschnitte der Inszenierungen stellen sie vor, wobei die Lebendigkeit, die sie auf diese Weise wiedererlangen, verdeutlicht, dass es die Präsenz des Menschen ist, seine Stellung in der Welt und zur Welt, die Karavan umtreibt. Die Kunst als Bühne für einen Dialog der Menschen - hier liegt das Zentrum von Karavans Schaffen. Dass sich in einer Ausstellung durchaus ein Eindruck von ortsspezifischen Arbeiten vermitteln lässt, zeigen die Filme, die Karavans Tochter Noa von den Gärten, Denk- und Begegnungsorten gedreht hat, die ihr Vater überall auf der Welt realisiert hat. Plötzlich scheint sie zum Greifen nah, die gebrochene, ruinöse Schönheit, die Karavan aus dem Riss entstehen lässt, der sich zwischen Natur und Kultur, Schönheit und Barbarei auftut.

          Langer Atem

          Dani Karavan ist hierzulande beileibe kein Unbekannter. Viele Environments und Denkmäler im öffentlichen Raum hat er in Deutschland realisiert - darunter „Ma'alot“ vor dem Museum Ludwig in Köln, der „Garten der Erinnerungen“ im Duisburger Innenhafen und die „Straße der Menschenrechte“ am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Dass er einen langen Atem hat, beweist er derzeit auch in Berlin, wo er geduldig an der Realisierung seiner „Hommage an den Holocaust der Sinti und Roma“ arbeitet.

          Den größten Teil seines Lebens, sagt Karavan, habe er in einem Niemandsland verbracht: „Ich habe Grenzen überschritten, Disziplinen gesprengt und mich zwischen Minimalismus und Konzeptkunst, Figuration und Abstraktion, Skulptur und Architektur, Land Art und Landschaftsdesign hin- und herbewegt.“ Was er dem kargen Boden - der Natur und der Geschichte - abringt, sind dialektische Bilder im Sinne Walter Benjamins und Würdeformen einer humanen Gesellschaft. Das zu erreichen bedarf vieler Anstrengungen. Deshalb steht am Ende seiner Retrospektive ein verspiegelter Raum der Barbarei, in dem alle Formen zerschlagen sind.

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