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Kunst : Damien Hirsts funkelnde Kopftrophäe

  • -Aktualisiert am

75 Millionen Euro soll das neue Kunstwerk kosten, das Damien Hirst in London präsentiert: ein mit 8601 Diamanten besetzter Totenschädel. Museumsleute rätseln nun, wie der Künstler an den Schädel kam.

          In der Londoner Galerie White Cube ist an diesem Wochenende ein Kunstwerk aufgetaucht, das für einige Verwirrung sorgt: ein mit 8601 Diamanten besetzter Totenschädel mit dem Titel „For the Love of God“, den der britische Künstler Damien Hirst zusammen mit Bildern von Krebszellen, präparierten Fischen und einer ausgestopften Taube zeigt. Bekannt ist bisher der Preis des Kunststücks: 75 Millionen Euro.

          Der 42 Jahre alte Künstler wird mit der Äußerung zitiert, er habe sich zuerst gesorgt, der Glitzerschädel könne zu sehr wie eine Diskokugel aussehen. Einen tödlichen Kommentar zur kommerzialisierten Kunstwelt vermutet dagegen ein englischer Kritiker in dem Werk. Die Galerie kündigt zur weiteren Deutung einen Essay von Rudi Fuchs an, der 1982 die documenta 7 in Kassel leitete.

          Wieviel kostet der?

          Weniger interessant als der Preis - 75 Millionen Euro würde wohl auch ein mit Diamanten beklebtes Telefon kosten - dürfte dabei eine andere Frage sein. Wie soll man sich nämlich die Geschichte mit dem Schädel vorstellen? In welcher Straße muss man bummeln gehen, um einen menschlichen Kopf zu kaufen? Und wieviel kostet der? Ausgestellt ist der diamantenübersäte Platinabguss eines Originals, das Hirst in einem Geschäft in Islington erworben haben will.

          35 Jahre soll der Mann alt gewesen sein, von dem die sterblichen Überreste stammen, und gestorben sei er am Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Damit wird das Rätsel aber nur noch größer. „Get Stuffed“ jedenfalls, das bekannteste Fachgeschäft für zoologische Präparation in London, hüllt sich in Schweigen. „Wir können das Werk von Damien Hirst nicht kommentieren“, heißt es am Telefon, bevor die Leitung unterbrochen wird.

          Mottenfraßnekrose

          Auf Verwunderung stößt der Glitzerschädel bei Museumsleuten. Makaber nennt ihn Thomas Schnalke, Direktor des Medizinhistorischen Museums in Berlin. „Meine erste Assoziation zu dem Stirndiamant ist: Mottenfraßnekrose. Ein Krankheitsbild der Syphilis, die im Tertiärstadium den Schädelknochen angreift“, sagt Schnalke. Dass Schädel aus dieser Zeit heute noch auf dem Markt erhältlich seien, ist ihm nicht bekannt. Menschliche Überreste, die etwa bei Baggerarbeiten auf historischem Gelände gefunden werden, würden Stadtarchäologen übergeben - aber nicht verkauft.

          Die mögliche Herkunft von Hirsts Schädelvorlage kann auch Petra Herrla nicht aufklären, zuständig für den Vertrieb von „3B Scientific“. Der 1819 gegründete Hersteller für medizinisches Lehrmaterial führt Schädel - allerdings aus Kunststoff. „Einen echten menschlichen Schädel können Sie als Privatperson nicht kaufen“, so auch Herrla. Wo also Hirsts Quelle ist, bleibt offen.

          Die morbide Saga eines alten Totenschädels möbelt das Kunstwerk jedenfalls nicht auf. Es ist nur noch ein Zitat seiner selbst: Mit eingelegten Tieren wie Hai, Kuh und Schaf wurde Hirst zuerst bekannt. Mit dem Schädelabguss ist offensichtlich ein noch skandalträchtigeres Säugetier an der Reihe: der Mensch.

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