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Kunst-Biennale : Im Feuerschein der alten Bauernkate

Pixel-Lenin begrüßt die Besucher. Die Kommunisten von Krasnojarsk sind entsetzt. Bild: Biennale Krasnojarsk

Damals schmeckte sogar die Suppe nach Aufstand: Die Kunst-Biennale im sibirischen Krasnojarsk zeigt revolutionäre Kunst aus der russischen Provinz.

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          Der lustige Lenin winkt schon von weitem. Zum hundertsten Geburtstag des Oktoberumsturzes in Russland hat das Krasnojarsker Künstlerduo Alexander Zakirow und Iwan Tusow dem Revolutionsführer ein Denkmal gesetzt, das seine kanonische Gestalt mit kahler Stirn und in die Zukunft weisender Hand in eine dreidimensionale Pixel-Bildsprache übersetzt. Mit Würfelkopf, Bartbalken und erhobenem Treppenärmchen thront er wie ein Lego-Mann vor dem ehemaligen Lenin-Museum und grüßt die Besucher der 13. Biennale für zeitgenössische Kunst, die hier vom Österreichischen Kulturforum ausgerichtet wurde. Zwar sind die Kommunisten von Krasnojarsk über das „blasphemische“ Monument entsetzt. Doch die Kartonkonstruktion von Zakirow und Tusow ist nicht nur cool, sondern auch biologisch abbaubar und dürfte den sibirischen Winter nicht überleben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Krasnojarsker Lenin-Museum war das letzte seiner Art – es wurde im Perestroikajahr 1987 in der mittelsibirischen Industriestadt eröffnet. Der brutalistisch fensterlose Monumentalbau am Jenissej-Ufer, der keinerlei Originalobjekte beherbergt, entschädigte sein Publikum von Anfang an durch Immersion, erklärt der künstlerische Direktor Sergej Kowalewski. Das Erdgeschoss schmückt ein lebensgroßes Diorama-Wandgemälde, aus dem ein echter Holzschlitten wächst, und auf dem Lenin, der im Süden des Krasnojarsker Gebiets drei Jahre in Verbannung zubrachte, vor verschneiter Steppe posiert. Im Tiefparterre gerät man in eine schummrige „vorrevolutionäre Welt“ mit groben Holzfiguren, die Wanderarbeiter, Waisenkinder und leidgebeugte Frauen darstellen. Kowalewski hat hier auch eine Lightbox installiert, in der die Wissarion-Sekte im Süden des Landkreises bei ihrer Liturgie gezeigt wird.

          Die Sicht der russischen Dörfer

          Nach dem Ende der Sowjetunion, als andere Lenin-Museen eingemottet wurden, erfand sich die Krasnojarsker Filiale neu als Kunst- und Kulturzentrum, das sich mit dem sowjetischen Erbe kritisch auseinandersetzt. Das geschieht in Ausstellungen über den GULag, den Zweiten Weltkrieg, den Afghanistan- und den Tschetschenien-Feldzug, seit 1995 zudem auf der ältesten russischen Kunstbiennale. 1997 wurde das Haus zum besten Museum Europas gekürt, fünf Jahre später fand hier die erste Museumsnacht in Russland statt.

          Ein Jahrhundert nach der Revolution soll ihr Erbe aus der Sicht des russischen Dorfes vergegenwärtigt werden, lautete der Auftrag des Leiters des Österreichischen Kulturforums in Moskau, Simon Mraz, der, mit Unterstützung des österreichischen Bundeskanzleramtes und des Goethe-Instituts russische und europäische Künstler in die Provinz schickte. In moskaunahe Nester, an die Wolga, aber auch in die Taiga und Tundra. Denn ihre sozialen Energien bezog die Umwälzung insbesondere aus dem Bauerntum, dem achtzig Prozent der Bevölkerung angehörten, und das Lenin, indem er durch sein Landdekret die anarchischen Landkonfiskationen legalisierte, für die bolschewistische Sache gewann.

          Eintopf und Aussteiger unter der Lupe

          Die Künstlergruppe aus Jekaterinburg „Wohin die Hunde rennen“ (Kuda begajut sobaki) nimmt die bäuerliche Rote-Bete-Suppe Borschtsch als Index für „Transzendenz“, also für revolutionäre Energie. Dazu wertet ein computergestützter Borschtsch-Kocher literarische, philosophische, politische Texte von 1917 und 2017 aus und übersetzt ihren jeweiligen Transzendenzindex in Messeinheiten für die Zutaten, die bei der Vernissage von einem Roboter fertiggekocht wurden. Besucher, die von beiden Suppen kosteten, behaupten, das Borschtschrezept von 1917 sei eindeutig gehaltvoller gewesen.

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