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Kunst aus Kabul : Eine Locke für Jahrtausende

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Auch die Archäologie hat eine wichtige Mission in Afghanistan: Herrliche antike Funde aus Kabul machen jetzt in Mannheim deutlich, dass die Feldzüge Alexanders des Großen eine neue Kultur gestiftet haben.

          Französische Archäologen haben unlängst in Bamiyan eine zwölf Meter große Buddha-Statue freigelegt. Sie wird kein Ersatz sein für jene beiden um 500 nach Christus entstandenen Buddhas, die, der eine 34,5 Meter, der andere 55 Meter hoch, im März 2001 von den Taliban gesprengt wurden. Und selbst wenn: Wie lange wird sie Bestand haben in einem Land, das diese stumpfsinnigen Menschen- und Bilderschinder zugrunde richten wollen? Doch das sind die spontanen Gedanken des Verfassers - Michael Tellenbach, Direktor des Museums Weltkulturen in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, strahlt Zuversicht aus, wenn er von dem Fund und von Kabul redet. Dort war er im Frühjahr, um über Leihgaben des Nationalmuseums Afghanistan zu verhandeln. Er schaffte es: Aus der Stadt, die wir nur noch als Schauplatz von Bombenanschlägen, Chaos und hilflosen Versuchen der Demokratisierung kennen, wurden, als handele es sich um den üblichen weltweiten Kulturtransfer, einzigartige Kunstwerke nach Mannheim geflogen.

          Michael Tellenbach hatte in Kabul sicher kaum weniger Angst als die in Afghanistan stationierten Bundeswehrsoldaten. Aber er wagte den Besuch, so wie Dutzende deutscher, französischer, japanischer und amerikanischer Archäologen es wagen, in Bamiyan und anderswo in dem Land trotz Terror weiter nach Kulturgütern zu forschen, sie zu bergen, zu schützen, zu restaurieren. Ihre Kontakte mit Behörden, Wissenschaftlern, aber auch den Einwohnern sind längst so wichtig und tragen vermutlich ebenso viel zur erhofften Wiederbelebung bei wie die Maßnahmen der Nato, der Diplomatie und humanitärer Organisationen.

          Alexander als Zugpferd

          So viel zum Vorurteil von der weltfremden, in ferne Vergangenheiten versponnenen Archäologie. In allem beweist auch die Mannheimer Ausstellung das Gegenteil. Das beginnt mit der Titelwahl: Statt umständlich von hellenistisch-asiatischer Mischkultur zu sprechen, hat man mit Alexander dem Großen eine auf den westlichen Erwartungshorizont perfekt zugeschnittene Figur der Weltgeschichte als Zugpferd gewählt. Seine Eroberungszüge bis zum Indus bilden den roten Faden, an dessen Ende wir vor Kunstwerken des fünften und des sechsten Jahrhunderts nach Christus stehen, in der Hellas und Asien faszinierende Synthesen gebildet haben.

          Colin Farell, der Leinwand-Alexander des Jahres 2004, fehlt in der Abteilung über die bis heute andauernde Nachwirkung des Welteroberers. Trotzdem erkennen wir den Filmstar sofort wieder in den sorgfältig inszenierten antiken Porträtbüsten und Statuen, die den Anfang der Schau bilden. Was dem Schauspieler die besten Maskenbildner Hollywoods, waren dem Makedonen die besten Künstler seiner Zeit - Alexander ließ sich einzig von dem Bildhauer Lysipp, dem Maler Apelles und dem Steinschneider Pyrgoteles darstellen. Alle drei kanonisierten jene (von Farells Make-up-Spezialisten perfekt kopierten) Charakteristika, die antike Biographen über Alexanders Aussehen berichten: gewölbter Hals, leichte Kopfneigung nach links, große Augen „von besonderer Klarheit und eigentümlichem Schmelz“ - und ein Haarwirbel über der Stirn, die „Anastolé“, die sich Hunderte seiner Nachfolger toupierten.

          Sinnende und weiche Züge

          In Mannheim sind prägnante Büsten und die berühmte Reiterstatuette des gepanzerten Alexander aus Herculaneum zu sehen; Meisterwerke, die trotz deutlicher Idealisierung ein unverwechselbares Gesicht zeigen, in dem Leidenschaften, Tugenden und Hoffart wetterleuchten. Aus der Reihe fällt der „Alexander Erbach“, gefunden 1791 in der Villa Hadriana bei Tivoli. Man sieht statt des energischen Eroberers den jungen Kronprinzen, in dessen Stirn zwar die störrische Locke fällt, der aber im Übrigen ruhige, sinnende und sehr weiche Züge zeigt; ein Kronzeuge jener Anmerkung Plutarchs, der Alexanders Aufwand an teils griechischen, teils orientalischen Roben und Trachten in die Worte fasste: „Mit den Waffen herrschte er über ihren Leib, mit den Gewändern gewann er ihre Seele.“

          Wiedergegeben scheint jener Träumer, von dessen leidenschaftlicher Liebe zur baktrischen Prinzessin Roxane und zu seinem makedonischen Gefährten Hephaistion Plutarch berichtet und Schriftsteller wie Roger Peyrefitte und Klaus Mann schwärmen, aber auch der Intellektuelle, Philosoph und Kunstfreund, der auf seinen Feldzügen die Ilias und einen Bronze-Herakles des Lysipp mit sich führte. Dieser „Herakles Epitrapezios“ ist in der Ausstellung als expressive Kalksteinkopie zu sehen, die in den Palastruinen von Ninive gefunden wurden.

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