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Kunst auf dem Atomeisbrecher : Die Aktivisten sind im Gefängnis, die Kunst protestiert

Als die Russen 1957 „Lenin“ vorstellten, den ersten atombetriebenen Eisbrecher überhaupt, war das eine Sensation. Jetzt ist die „Lenin“ Schrott - und beherbergt ein erstaunliches Museum.

          In der weltgrößten Stadt nördlich des Polarkreises spricht alles von Opfermut und Heroismus. Murmansk, Russlands strategischer eisfreier Hafen im Nordmeer, wurde im Zweiten Weltkrieg dichter bombardiert als selbst Stalingrad; doch weil hier auch Hilfslieferungen der Alliierten ankamen, blieb der Ehrentitel „Heldenstadt“ ihr bis zum Perestrojkajahr 1987 versagt. Man stolpert hier über Kriegerdenkmäler. Deren größtes, der turmhohe Betonsoldat „Aljoscha“, überragt die Stadt wie ein unbeleuchteter Leuchtturm.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Aber wofür hat mein Großvater um diesen Fetzen Heimat gekämpft?“, will der wettergegerbte Taxifahrer, der uns zu diesem Siegesdenkmal gebracht hat, von seinen ausländischen Fahrgästen wissen. Die damals Besiegten, Deutsche, Schweden, Japaner seien heute viel besser dran, schimpft der gelernte Ingenieur, der Chauffeur wurde, weil das hiesige Baugewerbe von Tadschiken übernommen wurde. Arbeiten lässt man uns nicht, nur ausharren sollen wir, sagt er, während er die bronzene Murmansker Seemannsbraut ansteuert, die überm Hafen anmutig ihr Tüchlein schwenkt. Und wirklich: Auf dem Podest ist in Gold das Lob ihrer Haupttugend, des „Wartenkönnens“, eingraviert.

          Der Stolz sowjetischer Ingenieurskunst

          Ein tragischer Grund dafür offenbart sich unweit von ihr, an einem Findling, wo, wie der sprechende Kopf des Pferdes Fallada, das Bugfenster des 2000 in der Barentssee gesunkenen Atom-U-Bootes „Kursk“ befestigt ist. Alle 118 Marinesoldaten an Bord kamen damals ums Leben. Das Unglück war freilich nur eine dicke Perle in einer schwarzen Kette, verrät die Gedenkplakette daneben. Seit 1952 starben, so erfährt man, 1523 sowjetische beziehungsweise russische U-Boot-Matrosen bei friedlichen Manövern. Murmansk liegt an einem tiefen Fjord, nur hundert Kilometer von der See entfernt. Doch die Strände sind militärisches Sperrgebiet. Zivilisten haben keinen Zutritt. Ersatzweise lädt der weltweit erste Atomeisbrecher, „Lenin“, der, zum staatlichen Museum umfunktioniert, am Passagierhafen seinen letzten Ankerplatz fand, zu virtuellen Reisen in die heroische Geschichte des Fortschritts und in die Zukunft ein.

          Die auch technisch revolutionäre „Lenin“ hat, seit sie 1957 zur Jungfernfahrt aufbrach, das Eismeer für die zivile Navigation erst erschlossen. Ihr kohle- und dieselgetriebener Vorgänger „Jermak“ konnte maximal einen Monat ununterbrochen unterwegs sein und entwickelte nur halb so viel Kraft. Das Reaktorschiff brachte es auf 44.000 Pferdestärken und 18 Knoten oder 33 Stundenkilometer, und eine volle Uranbestückung reichte für vier, fünf Jahre. Hinter dem beilartig vorkragenden Bug rundet sich der Schiffskörper flach, so dass Eisschollen ihn nie in die Zange nehmen, sondern allenfalls empordrücken können. Dieses Paradestück der friedlichen Atomnutzung der Sowjetmacht empfing seinerzeit so illustre Gäste wie Juri Gagarin, Fidel Castro und Richard Nixon an Bord, bis es 1989 in Pension ging und der Reaktor aus seinen Eingeweiden entfernt wurde.

          Das ist Retrofuturismus

          Heute erscheint Russlands Kompetenz bei innovativer Ressourcennutzung eher fraglich, schon angesichts des vielen Öls, das aus defekten sibirischen Förderstellen in die Arktis strömt. Daran wollten dreißig Greenpeace-Aktivisten erinnern, als sie vor der Gasprom-Ölbohrplattform in der Barentssee demonstrierten. Doch die russischen Behörden verhafteten sie und warfen sie ins Gefängnis von Murmansk, wo viele Bewohner ihnen freilich wohlgesinnt sind. Jetzt warten sie auf ihren Prozess.

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