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Kunst : Arbeiten, schießen und nicht jammern!

  • -Aktualisiert am

Zwei Ausstellungsgroßereignisse erzählen in einer einzigen Bildgeschichte, wie aus Arbeit der Neue Mensch entstand - und wie ihm dann die Arbeit abhanden kam.

          Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen die „Peredwischniki“ rund um den berühmten Ilja Repin, und die Kunsthalle Hamburg zeigt Ferdinand Hodler, Alexander Deineka und Neo Rauch. Das bedeutet, dass sich gleich eine ganze Nationalauswahl russischer Zentralikonen zurzeit in Deutschland befindet; man sollte sich das also dringend anschauen, das kommt so schnell nicht wieder. Ansonsten haben beide Ausstellungen so viel miteinander zu tun, wie Hodler, Deineka und Rauch untereinander, nämlich auf den ersten Blick möglicherweise wenig und auf den zweiten aber alles. Zum Beispiel zeigt sich in Hamburg wie in Chemnitz, dass das Leben ein einziges Geracker ist. Jedenfalls soweit die Kunst davon zu berichten weiß.

          Das ist kein ganz unproblematischer Befund in einer Zeit, in der sich die sozialen Proteste eher daran entzünden, dass Geld nur noch mit Geld verdient wird oder mit Wetten oder dergleichen, aber eben nicht mehr mit Arbeit, der Produktion, irgendetwas Substantiellem. Und das wird es ja wohl nicht gewesen sein, was der junge Larka vor Augen hatte, als er gegen das Joch des Treidelgurtes aufbegehrte.

          Deklination aller möglichen Arbeitshaltungen

          Larka? Treidler? Peredwischniki? Kann sein, dass man das Leuten, die im Westen groß geworden sind, kurz erläutern muss.

          Peredwischniki heißt „Wanderer“ und beschreibt einen Bund von Malern, die, im späten 19. Jahrhundert, aus den kadettenanstaltsartigen Kunstakademien ins russische Landleben flohen. Sie waren sozusagen die russische Variante des Sezessionismus; sie waren, genauer gesagt, die russische Sektion dessen, was als Bewegung des Realismus in die Kunstgeschichte eingegangen ist, russische Courbets sozusagen, nur in allem viel, viel extremer: Bei den Peredwischniki sind die Sonnen grundsätzlich leuchtender, die Wiesen grüner, die Mondnächte sentimentaler, die Priester betrunkener, vor allem aber die Bauern zerlumpter und ihr Joch drückender als irgendwo sonst in der Malerei der Weltgeschichte. Man muss sich diese Chemnitzer Ausstellung vorstellen wie eine Tschaikowsky-Sinfonie in Bildern - übervoll von Lyrik, Drama und Anstrengung.

          Arbeit war, pünktlich mit den Schriften von Marx, auch anderswo in Europa immer öfter mal zum Gegenstand von Bildern geworden, aber nirgendwo mit einer solchen Wucht: Bei Courbet ist sie ein Stein, auf dem man mit Hämmerchen herumpocht; bei den Russen hängt sie als monströse Schicksalslast an dem Gurt, der dem Menschen um die Brust geschnürt ist. Alles zieht, und alles zerrt, und keiner kommt so recht voran. Ilja Repin, der berühmteste der Peredwischniki, hat immer wieder die Treidler gemalt, die Männer, die die Lastschiffe flussaufwärts ziehen. Sein Hauptwerk, die „Wolgatreidler“, dekliniert alle möglichen Haltungen zur Arbeit durch zwischen Reinhängen und Sichhängenlassen. Nur dieser Larka verweigert die Last, er ist jung, bedeutungsvoll ausgeleuchtet, man weiß, von Repins Studienblättern her, seinen Namen, und er ist immer als eine sozialrevolutionäre Heiligenfigur gesehen worden - Künder einer neuen Zeit. Im Ostblock wusste das jedes Schulkind, denn im Osten war Repin faktisch Raffael: Kanon, Grundlage, Ausgangspunkt. Repin, das war exakt die Art von sozialem Realismus, den sich nachher der sozialistische Realismus zum Vorbild nahm.

          Repin war Raffael

          Dass auch der internationale Kunstmarktliebling Neo Rauch unter dem Eindruck dieser Bilder aufgewachsen ist, liegt in der Natur seiner Herkunft. Trotzdem ist „Sozialistischer Realismus“ genau genommen nicht ganz die richtige Bezugsgröße zur Beschreibung seiner Bilder, genauso wenig wie „Comics“. Denn das beschreibt den ost-westlichen Eindruck immer nur so ungefähr. Aber wenn man mit den Begriffen buchhalterisch korrekt sein wollte, dann hat Neo Rauch eher mit einer grafischeren, illustratorischen Tradition zu tun, die von den Verfechtern einer Propagandakunst im Stile Repins lange als viel zu modern und verwestlicht bekämpft worden war. Konkret: mit Alexander Deineka.

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