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Kulturquartier in Köln : Das Geheimnis hinter den Gegenständen

Endlich mal ein neues Museum, das nicht wegen seiner spektakulären Architektur besucht werden muss: In Köln öffnet nach langer Bauzeit das „Kulturquartier“ am Neumarkt seine Tore.

          5 Min.

          Hin- und hineinzukommen ist gar nicht so einfach. Dabei liegt der neue Kölner Museumsbau, zentraler geht's nicht, am Neumarkt. Vor der Tür aber donnert die vierspurige Cäcilienstraße, die nicht erst die Bahntrasse in ihrer Mitte unüberwindbar macht. Zwar sieht der Masterplan von Albert Speer hier ein „grünes Gleis“ mit genügend Querungsmöglichkeiten vor - doch der ist erst zwei Jahre alt und hat bisher wenig bewirkt. So was dauert in Köln. Beim neuen Museumskomplex wurden es, aufgehalten von Pleiten und Pannen, fünfzehn Jahre, und solange die Straße bleibt, wie sie ist, muss sich der Besucher entweder durch die Unterführung am Neumarkt quälen oder eine Ecke weiter („Lebensgefahr!“ ruft ein Schild) den Fußgängerüberweg riskieren. Zur Museumsinsel wird bereits schöngeredet, was die Verwaltung, banaler geht's nimmer, „Kulturquartier“ nennt, und das, wo nicht trübes Spreewasser, sondern lauter Verkehr sie umspült.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Drei Riegel in Nord-Süd-Richtung gliedern den 21 Meter hohen Kasten: Der erste halb so breit wie der zweite, dieser halb so breit wie der dritte. Getrennt werden sie durch Lichtfugen, von denen die erste das Eingangsfoyer und die schmalere zweite ein Treppenhaus aufnimmt, das die gestapelten Ausstellungsräume verbindet. Zur Straße wechseln Backstein und Glas, zwischen dunkel und gelbrot changiert der Wittmunder Torfbrandklinker, der in Köln neu ist und ganz massiv auftritt.

          Die fensterlose Westfassade zeigt der Volkshochschule daneben die kalte Schulter und schafft eine öde Straßenschlucht. Auf der Ostseite wurde an die strenge Lochfassade ein einstöckiger Kubus mit milchglasiger Außenhaut gesetzt, der das benachbarte Museum Schnütgen für mittelalterliche Kunst neu erschließt und, indem er eine Verbindung zu Karl Bands Bibliotheksbau von 1954 schlägt, die Ausstellungsfläche um sechzig Prozent vergrößert. Es könnte ein Versicherungsgebäude sein, was die Braunschweiger Architekten Schneider + Sendelbach da so straff strukturiert haben, doch lässt sich durch das Schaufenster im ersten Stock ein zergliederter Yamsspeicher erblicken, der - nachts angeleuchtet - von der Decke hängt.

          Die Exponate retten die Stimmung

          Ja, wo bin ich denn hier gelandet? Wie die Abflughalle eines Provinzflughafens nimmt sich das Eingangsfoyer aus, das als einziges Oberlicht hat. Hinter der automatischen Eingangstür folgen Bookshop, Ticketschalter und Cafeteria. Dabei soll man von hier aus, eurozentrisch gedacht, doch in die entlegensten Weltgegenden abheben. Wieder rettet ein Exponat die Situation. In einer portalartige Erweiterung prunkt das Wahrzeichen des Museums, das als sieben Meter hoher Pfahlbau für das alte Haus am Ubierring zu groß war: Ein Reisspeicher von der Insel Sulawesi, der um 1935 aus Holz, Rotang und (vor wenigen Jahren neu gedecktem) Bambus errichtet wurde. Reich beschnitzt und farbig bemalt, erzählt er vom Leben einer ranghohen Familie und spricht, pars pro toto, alle Themen des Parcours an: „Der Mensch in seinen Welten“.

          Willkommen, bienvenue, welcome? Der Empfang fällt polyglotter aus, in mindestens einem Dutzend Sprachen begrüßen sich die Menschen auf der ersten Leinwand. Der Kulturvergleich im (nicht einmal) Minutentakt ist Programm. Denn das Rautenstrauch-Joest-Museum hat mit dem Untertitel (von „für Völkerkunde“ zu „Kulturen der Welt“) auch die Konzeption gewechselt und gliedert seine Ausstellung nicht mehr nach Regionen, sondern nach Themen: Wie die Menschen wohnen, wie sie sich kleiden, wie sie mit dem Tod umgehen, welche Gottesbilder und Rituale sie haben, wird neben- und gegeneinandergestellt. Nicht auf die Konfrontation mit dem Fremden, sondern auf dessen Verschiedenheiten wird die Aufmerksamkeit gelenkt.

          Afrikanischer „Klischee-Container“ stellt Museumsethnologie in Frage

          Doch zunächst durchläuft der Besucher Stufen, die darauf vorbereiten: mit Musik, die nicht voll aufspielt, sondern in Form eines kompletten Gamelan-Instrumenten-Ensembles aus Zentraljava bereitsteht; mit Porträts von Wilhelm Joest (1852 bis 1898), dessen ausgedehnte Forschungsreisen den Grundstock des von seiner Schwester Adele 1901 gestifteten Museums gelegt haben, und von Max von Oppenheim (1860 bis 1946), der es ergänzt und als Diplomat in Nahost ein Doppelleben zwischen Orient und Okzident geführt hat, Kölner und Sammlerpersönlichkeiten beide, die Fotos auf ihren Exkursionen und in ihren Berliner Wohnungen zeigen.

          In einem „Klischee-Container“ bombardiert, was Afrikaner von „Zehn kleine Negerlein“ über Lübke bis Scholl-Latour abkriegen, die Sinne: Wie dörflich, dienend, hilfsbedürftig, kindlich, kannibalisch sie sind, wird gefragt und so beantwortet, dass das Vorurteil an der Wirklichkeit zerbrechen. Dann legen die Museumsethnologen ihre Karten auf den Tisch. Die Tradition, Illusion oder gar Anmaßung, eine indigene Kultur „realistisch“ abbilden zu können, wird in Frage gestellt. Den Arbeitsfeldern Forschen, Sammeln, Bewahren und Vermitteln werden die Grenzen aufgezeigt. Der dekonstruierte Yamsspeicher versinnbildlicht auch Bedingtheit und Chance der Interpretation: jede Sammlung ist Auswahl und damit Deutung.

          Gottheiten aus Mikronesien, Thailand, Sierra Leone, Guatemala oder Mali: „Ansichtssachen?!: Kunst“ fragt ein großer Saal, der Figuren verschiedener außereuropäischer Kulturen einer ästhetischen Wahrnehmung aussetzt, um sie auf Knopfdruck mit Kontexten zu unterlegen. Die Sichtwechsel führen in die Debatten über Bewertungsfragen und Präsentationsformen zwischen Kunsthistorikern und Ethnologen. Erst danach tritt der Besucher aus „Die Welt erfassen“ in „Die Welt gestalten“: Türen, die, reich verziert und geschnitzt, Visitenkarten abgeben, variieren die Grußformen des Prologs und markieren den Übergang.

          Reise in die Zwischenwelten

          Ein Europäischer Salon, der sich mit Lüster, Attrappen und Glasschrank als Bühnenbild ausweist, ist die erste Station, doch wer die Schubladen des großen Tisches aufzieht, findet Geschichten über Emigranten, Waren- und Kommunikationswege. Die Nachbarzimmer führen in ferne Welten: in den Empfangsraum, den sich ein reicher Kaufmann zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts in seiner Sommerresidenz in Kayseri eingerichtet hat, zu einem Tipi, wie es Blackfoot-Indianer in den nordwestlichen Plains bewohnten, zu dem sich in die Wüste duckenden Zelt einer Tuareg-Familie in Niger. Weiter hinten ist ein Männerhaus der Asmat aus Westneuguinea aufgebaut, in dem Ahnenpfähle und Feuerstellen sakrale und soziale Lebensbereiche vereinen.

          Im zweiten Obergeschoss wechselt die Stimmung, für „Der Körper als Bühne“ wird der Parcours mit Gaze abgespannt und jeder Raum zur luftigen Höhle, in der Kleidung und Schmuck, Turban- und Hüfttuch, Fingernagelschoner aus China und ein Federmantel aus Hawaii Auskunft über Stellung und Status, Herkunft und Heimat geben. Dann hängen weiße Fadenvorhänge die Wegführung ab und öffnen eine gleißende Halle, denn nicht Schwarz, sondern Weiß ist in den meisten Kulturen die Farbe des Todes: Ein Stiersarkophag begleitet ihn in Bali, eine Ofrenda mit Totenköpfen aus Zuckerguss in Mexiko, ein Boot bei den Maori. Statuen und Altäre stehen für die Vielfalt des Glaubens, Rituale öffnen Zwischenwelten, dämonische Mächte in Masken zelebrieren Initiationen und Übergänge. Zum Epilog kehren die Figuren des Prologs zurück: Alle, so grüßen sie zum Abschied, leben in Köln.

          In den innenräumlich wenig inspirierenden Hallen hat Jutta Engelhard einen anregenden und abwechslungsreichen Parcours angelegt, der Vertiefungen, Seitenwege, Überraschungen, auch Fußnoten bietet und dabei mitunter - die Szenographie hat das Atelier Brückner (Stuttgart) gestaltet - technisch verspielt und medial überinstrumentiert gerät. Vor allem aber gelingt ein spannender Balanceakt: Zentrale Exponate werden individuell ins Recht gesetzt, so dass sie sich als Kunstwerke bestaunen lassen, ehe sie, etwa durch „eingebaute“ Filme, in denen sie „mitspielen“, in Funktionszusammenhängen zu sehen sind - so kann sich das Geheimnis hinter den Gegenständen auftun.

          Der neue Kölner Museumsbau, der zusätzlich zu den 3500 Quadratmetern des Parcours einen 1350 Quadratmeter großen Raum für Sonderausstellungen sowie einen Saal der Volkshochschule mit 350 Plätzen umfasst, hat inklusive der Inneneinrichtung etwas mehr als achtzig Millionen Euro gekostet. Dass er die „Kulturen der Welt“ ins Zentrum holt und das Museum Schnütgen mit der christlichen Kunst daneben als Anhängsel erscheint, lässt sich auch symbolisch verstehen. Die Zukunft des Hauses wird davon abhängen, wie es die vielen Migranten-Communities in der Stadt annehmen werden. Dafür bedarf es mehr als einer Verkehrsberuhigung.

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