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Kulturgut aus jüdischem Besitz : Restitution ist keine Stilfrage

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Das Jüdische Museum zeigt in einer Ausstellung acht Fallgeschichten von Sammlern, die im Nationalsozialismus enteignet wurden. Ein besonders breiter Schatten fällt dabei auf den Direktor des Städel-Museums von 1938 bis 1972, Ernst Holzinger.

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          Gegenüber dem Frankfurter Städel Museum, auf der anderen Seite des Mains, liegt das 1988 gegründete Jüdische Museum. Eben dort wird von heute Abend an das Dokument eines überschwänglichen Lobs ausgestellt, das einen unangenehm berührt. Der Gelobte dieses Schreibens heißt Ernst Holzinger, Direktor des Städel Museums von 1938 bis 1972, der Brief ist mit „Heil Hitler!“ unterzeichnet.

          „An der Erreichung dieses Erfolges“, schreibt 1942 nämlich Frankfurts Oberbürgermeister in Siegerlaune, „haben Sie, sehr verehrter Herr Holzinger, hervorragenden persönlichen Anteil. In selbstloser Weise haben Sie sich freiwillig der Belange der Städtischen Galerie angenommen. Namentlich dieser städtischen Sammlung haben Sie durch umsichtige und geschickte Verhandlungsführung eine Anzahl erlesener Kunstwerke zugeführt, die eine beachtliche Steigerung des Ranges der Ausstellung bedeuten wird, wenn sie nach Kriegsende der Öffentlichkeit gezeigt werden können.“

          Dienstreisen in besetzte Gebiete

          Der Erfolg von Holzinger, wenn man so will, dauert bis in die Gegenwart: Bis heute profitieren wir Museumsbesucher von seinem unermüdlichen Einsatz, durch den das Städel Museum zu einem der bedeutendsten Institutionen in der deutschen Museumslandschaft wurde, im Krieg und nach dem Krieg. Bis 1945 agierte Holzinger als Sachverständiger des Reichserziehungsministeriums, eine Funktion, in der er Wert und Qualität von beschlagnahmtem jüdischem Kunstbesitz zu überprüfen hatte. Er unternahm Dienstreisen in besetzte Gebiete, die Niederlande und Paris, wo er Kunst für die Sammlung ankaufte. Die Quellen waren ihm bekannt, das Verfahren war überall das gleiche. Als auch in Frankfurt am 9. November 1938 Pogrome an der jüdischen Bevölkerung verübt wurden, war es ein Expertenteam der Frankfurter Museen, das sich in der Villa Waldried einstellte. Man verfasste eine Wunschliste von Gegenständen; Carl von Weinberg, der jüdische Eigentümer, musste sie für eine Bruchteil ihres Werts verkaufen. Weinberg starb 1943 in Rom, sein Bruder im Konzentrationslager.

          Was machen wir heute aus solchen Geschichten? Die Ausstellung ist in großen Teilen eine Übernahme aus dem Berliner Jüdischen Museum (siehe Eine Ausstellung über „Raub und Restitution“ von jüdischem Kulturgut von 1933 bis heute). Mit der Ankunft in Frankfurt wird allerdings ein neues Kapitel aufgeschlagen: Nicht nur, weil einige Dokumente ausgestellt werden – wie der anfangs zitierte Brief –, die in Berlin nicht zu sehen waren, sondern weil die Ausstellung mit ihrer zweiten Station im Herz einer erbitterten Debatte angekommen ist. Holzingers Verstrickungen sind bekannt, die Dokumente und Daten liegen vor, aber in der Bewertung ist man uneins: Der 1972 verstorbene Städel-Direktor ist eine Ikone der deutschen Nachkriegskunstszene, den die einen gern entthronen würden und die anderen gerade zu kultisch verehren. Wie kaum ein Zweiter setzte er sich nach dem Krieg dafür ein, die sogenannte „entartete Kunst“ zu rehabilitieren, namentlich Max Beckmann, zu dem Holzinger auch während des Dritten Reichs persönlichen Kontakt hielt.

          Sechs Werke wurden bisher restituiert

          Mit der Frankfurter Ausstellung wird nun der Fall Holzinger in einen Kontext gestellt, der die Grundlage für eine Debatte schaffen dürfte, die sich nicht in demselben Irrgarten verliert wie in den Jahrzehnten zuvor. Acht Fallgeschichten von Raub und Restitution werden präsentiert, sie zeigen die ganze Bandbreite der Enteignungen, von Gemälden über kunstgewerbliche Gegenstände bis hin zu Bibliotheken. Viele davon haben – wie Carl von Weinberg – einen Bezug zu Frankfurt. Zur Vorbereitung recherchierte eine Mitarbeiterin des Jüdischen Museums im Archiv der Stadt und des Städel Museums. Am Städel Museum wiederum wurde 2001 eine Stelle zur Provenienzforschung eingerichtet, im vergangenen Jahr wurde zudem das Forschungsprojekt zur Geschichte des Städel Museums in der Zeit des Nationalsozialismus ins Leben gerufen. Sechs Werke wurden bisher restituiert.

          An beiden Institutionen wird also gerade Forschung betrieben, und es ist kein Zufall, dass beide Direktoren der zweiten Nachkriegsgeneration angehören. Raphael Gross, Jahrgang 1966, leitet das Jüdische Museum, Max Hollein, Jahrgang 1969, steht seit 2001 der Schirn Kunsthalle vor und ist seit 2006 Direktor des Städel Museums und des Liebieghauses. Unter ihnen könnte eine Stellvertreterdebatte endlich zu ihrem Ende kommen: Die Kriegs- und Nachkriegsgeneration machte es sich mit der Frage gemütlich, welcher Kunststil als regressiv oder progressiv zu gelten habe. Man fragte: Sollen wir abstrakt malen? Oder figürlich? Und auf der richtigen Seite, so die Vorstellung, standen diejenigen, die sich nach dem Krieg für eine Malweise entschieden, die von den Nationalsozialisten zuvor als „entartet“ bezeichnet worden war.

          Das Erbe Holzingers

          Vergangenheitsbewältigung wurde wortwörtlich eine Stilfrage; Fragen nach Enteignung, Mord oder Erpressung fielen unter den Tisch. Es ging nicht darum, die Geschädigten oder ihre Nachkommen ins Recht zu setzen; sondern sich selbst, Deutschland und seine Museen, wieder ins Recht zu setzen. Wer – wie Holzinger – nach dem Krieg ehemals „entartete Kunst“ ausstellte, schien aus dem Schneider.

          Die heutigen Museumsdirektoren werden kein Urteil über Holzingers Person fällen müssen, ob er unter Zwang handelte, was ihn reute, wie er sich für Künstler engagierte. Was zählt, sind Handlungen, nicht die Motive. Im August 1952 verfasste er zusammen mit weiteren deutschen Museumsdirektoren ein Memorandum zur „Festsetzung eines naheliegenden Termins für den Abschluss der Restitution“ und forderte die „sofortige Einstellung aller Restitution von Objekten, die im freien Handel erworben wurden“. Ehemals verfemte Kunst auszustellen leuchtete Holzinger ein, sie ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben, offensichtlich nicht. Mit diesem Erbe müssen die heutigen Direktoren umgehen.

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