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Kulturgeschichte des Oralen : Die zweite Geburt aus dem Mund

Tabuzone Rachenraum: Wie Zähne, Zunge, Lippen allmählich aus der Kunst verschwanden und in einer Wolfsburger Ausstellung wiederkehren.

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          Wie viele echte Zähne der jetzige amerikanische Präsident noch im Mund trägt, ist unbekannt. Von Abraham Lincoln hingegen weiß man, dass er bei seiner Vereidigung nurmehr einen originalen Zahn besaß. Alle anderen waren – wie seit der Steinzeit üblich – aus Elchkiefer zurechtgeschnitzt und eingesetzt worden. Derartig paraphernales Wissen um Zähne, Mundhöhle, Zunge, Lippen und alles, was damit ausgeübt werden kann, zeigte die Schau „In aller Munde“ im Kunstmuseum Wolfsburg, die aber nach dem vergangenen Eröffnungswochenende wegen des einmonatigen Lockdowns gleich wieder ihre Pforten schließen musste, obwohl die Kuratorin Uta Ruhkamp schon im Vorfeld dem Mund- und Rachenraum „als Schauplatz des hochinfektiösen Desasters Corona“ eine Aktualität zuschrieb, die „man im Zuge der Ausstellungsvorbereitung nicht erwartet hatte“ und die den Mund „sehr zentral ins Zentrum gesellschaftlicher, politischer und medialer Debatten gerückt“ hätte.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist so im Grunde nicht richtig, denn der Mund spielt weder vor noch seit Corona im öffentlichen Bewusstsein eine größere Rolle. Zeit also, sich zu fragen, warum dies so sein könnte. Und da einer der drei Kuratoren der Wolfsburger Schau, Hartmut Böhme, Kulturwissenschaftler ist und mit der ebenfalls kuratierenden Zahnärztin Beate Slominski seit Jahren das Thema beforscht, eröffnet sich hier die erstmalige Gelegenheit, in die Tabuzone Mundraum kulturgeschichtlich einzutauchen.

          Alles mit'm Mund: Der Künstler Benjamin Houlihan bemalte eine Wand im Kunstmuseum Wolfsburg mit einer Mischung aus Quark und Lebensmittelfarbe allein mittels der Zunge.
          Alles mit'm Mund: Der Künstler Benjamin Houlihan bemalte eine Wand im Kunstmuseum Wolfsburg mit einer Mischung aus Quark und Lebensmittelfarbe allein mittels der Zunge. : Bild: dpa

          Zuerst zurück zu Abe Lincolns schlechten Zähnen: Die hart aus uns herauswachsenden Miniaturfelsen können für empfindlichste Schmerzen sorgen, und das bisweilen traumatisierte Gedächtnis an unschöne Zahnbehandlungen lässt uns diesen Körperbereich wohl meist ausblenden oder gar verdrängen. Wer aus Süddeutschland stammt, dem sind die Lüftlmalereien der Sancta Apollonia, der Schutzheiligen der Zahnärzte, an deren Praxenaußenwänden vertraut: Bei unbetäubtem Mund sollen römische Folterknechte der frühchristlichen Märtyrerin des dritten Jahrhunderts die Zähne ausgerissen haben, weshalb sie als Attribut stets einen von einer Kneifzange umklammerten Backenzahn vorweist.

          Bei Andy Warhols heiliger Apollonia etwa spielt sich das Vorzeigen des gezogenen Zahns vor einem blutroten Hintergrund ab. Wie sehr die Wahrnehmung der Zähne von den jeweiligen Schönheitsidealen abhängig und in den genannten Fällen eurozentristisch geprägt ist, zeigt die Forschungsunterabteilung Ethnomedizin in der Dentalkultur: Herrscht in Europa und den Vereinigten Staaten Bauhaus-Weiß auch in der Zahnfassade vor, gibt es in Afrika und Südamerika Kulturen, bei denen braune oder stark eingefärbte Zähne als schön gelten. Ebenso müssen Zähne andernorts nicht ihre Intaktheit ausstellen, können im Gegenteil in diversen Formen abgefeilt, abgebrochen oder wie im polynesischen Inselkönigreich Tonga in der Technik des dem japanischen Kintsugi ähnelnden „nifo koula“ mit goldenen Mustern überzogen sein. Diese Goldornamente werden dort allerdings nur matrilinear übergeben, während die außereuropäisch inspirierten „Grills“ als metallischer Kühlergrill im Gesicht noch immer überwiegend von männlichen Rappern getragen werden.

          Zähne bestimmen aber auch den menschlichen Lebenszyklus vom ersten bis zum letzten Abschnitt, wie es die barocke Allegorik gern ins Bild setzte, also vom ersten Biss in vernünftige Nahrung bis zur früher bei geringem Einkommen unweigerlichen Verdammung zu Brei und Schlabbersüppchen am Lebensabend. Auch in archäologischen Zeitdimensionen sind Zähne das Einzige, das neben winzigen Knochenresten vom Menschen übrig bleibt, so dass Paläontologen kriminologisch anhand dieser bestimmen können, ob ein Steinzeitmann oder eine Frau vorliegt, ein Links- oder Rechtshänder, was diese aßen und wie alt sie wurden.

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