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Kultur und Außenpolitik : Ausgestreckte Hand, blutig

Wie reagiert Deutschland auf die Verschleppung von Ai Weiwei? Mit windigen Rechtfertigungen eines Prestigeprojekts. Das Schicksal des chinesischen Künstlers ist ungewiss, das Verhalten unserer Kulturfunktionäre ein Skandal.

          7 Min.

          Das erste Aprilwochenende 2011 wird als Albtraum in die Geschichte der deutschen Außen- und Kulturpolitik eingehen: Am Freitag wurde im renovierten Pekinger Nationalmuseum mit großem Pomp die Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ eröffnet, es wurden Hände geschüttelt, Gläser leergetrunken, feine Sachen verspeist und diplomatische Reden gehalten – und kaum hatten die Leihgeber und Hauptorganisatoren der aus deutschen Steuergeldern bezahlten Großausstellung, die Generaldirektoren der Staatlichen Museen von Dresden, München und Berlin, ihre Koffer gepackt und sich auf die Heimreise gemacht, ließ das Pekinger Regime den regierungskritischen Künstler Ai Weiwei festnehmen und machte klar, dass, Kant hin oder her, in China „Aufklärung“ etwas ist, wozu man nicht den Kopf, sondern eine Überwachungskamera benutzt.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Ais Familie und seine Mitarbeiter wurden verhört, sein Atelier durchsucht; die Behörden suchten nach Beweisen, dass Ai Kunstwerke bei ihrer Ausfuhr nicht deklariert oder Geldbewegungen vor dem Fiskus geheim gehalten habe; die Nachrichtenagentur Xinhua meldete, gegen Ai werde wegen „Wirtschaftsverbrechen“ ermittelt, eine gängige Praxis, um unliebsame Querulanten auszuschalten.

          Mitte vergangener Woche teilte die Staatszeitung „Global Times“ mit, dass „Ai Weiwei sich bei zahlreichen Gelegenheiten äußerst nah an die rote Linie herangewagt“ habe. Aber was ist diese rote Linie – und was passiert hinter ihr? Bis zum Andruck dieser Zeitung am Samstagabend erfuhren weder Ais Familie noch sein Berliner Galerist Tim Neuger, der am 29. April eine Ausstellung mit neuen Arbeiten des Chinesen eröffnen will, wo Ai sich befindet und wie es ihm geht.

          Der deutsche Außenminister, der die Prestigeschau mit zart mahnenden Worten eröffnet hatte, wurde durch die Verschleppung Ais ebenso brüskiert wie die deutsche Generaldirektorenriege, der man auf diese Weise recht eindeutig mitteilte, dass, nur weil man sich von ihnen Kants Hausschuhe vor die Tür stellen ließ, dies noch lange nicht bedeute, man wolle zukünftig auf seinen Spuren wandeln.

          Das Gefühl, auf der falschen Seite zu stehen

          Wie geht man als deutscher Museumsboss – der ja in China nicht als privater, politferner Kunstliebhaber, sondern als staatlich bezahlter Repräsentant unserer Kultur aufzutreten hat – damit um, an einem Tisch mit den offiziellen Repräsentanten eines Regimes gesessen zu haben, das wenige Stunden später einen weltberühmten Künstler verschleppt? Gibt es da ein Gefühl der Scham, die unerträgliche Einsicht, einen Fehler begangen und viel zu spät erkannt zu haben? Ein Gefühl, auf der falschen Seite zu stehen? Fühlt es sich so an, wie mit Gaddafi an einem Tisch zu sitzen, wie bei Mubarak Urlaub zu machen, während das Volk revoltiert?

          Der Fall Ai wird in Deutschland immer mehr zu einer Diskussion über unsere kulturelle Außenpolitik und den Sinn der Kooperation mit totalitären Regimen. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, forderte die Freilassung Ais; Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Museen Dresden, verhöhnt ihn dafür in der „Sächsischen Zeitung“: „,Lehmann fordert die Freilassung von Ai Weiwei . . .‘ Na, da wird die chinesische Staatssicherheit aber das Zähneklappern bekommen! Bleiben wir doch bei der Realität und dem Machbaren!“ So wüst war der Ton lange nicht mehr.

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