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Kunst und Codes : Digitales Tulpenfieber

In Hannover und Basel zeigen junge Künstler, was sie mit Künstlicher Intelligenz schaffen können. Ihre Software lässt abertausend Blumen blühen – und züchtet Wesen für die Postapokalypse heran.

          Eines der raffiniertesten Kunstwerke mit Künstlicher Intelligenz (KI oder AI) hat eine junge Britin geschaffen, deren Mutter gern gärtnert. Anna Ridler beschäftigt sich eher mit Codes: In Oxford hat sie Literaturwissenschaft studiert und am Londoner Royal College of Art vor zwei Jahren einen Abschluss in Informationsdesign gemacht. Jetzt ist sie mit ihrer Arbeit über digitale Tulpen, die wie in einer Zwiebel Aspekte der Kreativität im Zeitalter schöpferischer Maschinen konzentriert, die sich vor den Augen der Betrachter entfalten, ganz vorne mit dabei im KI-Hype, der die Museen erfasst hat.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Von Aarhus bis Peking stellt sie aus, in London nimmt sie an der laufenden Schau „AI: More Than Human“ des Barbican Centre teil, und auch in zwei exzellent besetzten Ausstellungen im deutschsprachigen Raum ist sie präsent: „Entangled Realities“ (Verwobene Realitäten) im Haus der elektronischen Künste (HeK) in Basel und „Artistic Intelligence“ (Künstlerische Intelligenz) im Kunstverein Hannover.

          Anna Ridler hat, wie in Hannover ausschnittsweise zu sehen, 10.000 Fotos von Tulpen geschossen, die Bilder verschlagwortet und mit diesen Datensätzen eine KI trainiert. Unterstützt hat sie der auf maschinelles Lernen spezialisierte David Pfau. Das Computerprogramm arbeitet mit „Generative Adversarial Networks“ (GAN), was kompliziert klingt, man sich aber merken sollte. Denn diese künstlichen neuronalen Netzwerke arbeiten halbautonom und sind gerade das angesagteste Werkzeug zur Schaffung fotorealistischer Darstellungen von Dingen, die es gar nicht gibt, oder von malerischen Bildern, für die es weder einen Maler noch ein Modell braucht. Sie werden unsere Wahrnehmung verändern.

          Tulpenbilder von verstörendem Realismus

          In GAN treten zwei Algorithmen gegeneinander an. Der erste Algorithmus errechnet auf Grundlage der eingespeisten Daten immer neue Kombinationen, die sich beispielsweise zu Bildern fügen. Der zweite kontrolliert, korrigiert oder verwirft im Rekurs auf die Datengrundlage, was der andere schafft. Zu welchen Ergebnissen ein solcher maschineller Lernprozess kommen kann, zeigt Anna Ridler in Hannover auf einem Videobildschirm mit neunzig Feldern: In „Mosaic Virus“ entfaltet sich Blüte um Blüte. Die Ränder erscheinen noch fransig, die Streifen, die echte Tulpen früher besonders wertvoll machten – in der Natur werden sie vom Tulpenmosaikvirus hervorgerufen – wirken oft unpräzise. Die Arbeit ist ein halbes Jahr alt; inzwischen haben die GAN Fortschritte gemacht. In Basel sind Tulpenbilder von verstörendem Realismus zu sehen. Zu den Ironien dieser Simulacra des Natürlichen gehört ihre Umweltfeindlichkeit: Sie verschlingen enorme Serverleistungen und entsprechend viel Strom.

          Doch mit Bildgenerierung, die in Analogie zu Bekanntem Unbekanntes erzeugt, ist es nicht getan: Nach diesem Prinzip sind schon der PR-Coup „The Next Rembrandt“ niederländischer Forscher und das bei Christie’s teuer versteigerte „Portrait of Edmond Bellamy“ eines britischen Kollektivs entstanden, die mit der irreführenden Vorstellung flirten, Computer könnten den schon der Aura des Genies beraubten Künstler obsolet machen. KI agiert spontan und in Grenzen unvorhersehbar; ein Bewusstsein hat sie nicht. Sie ist, bisher zumindest, kein Ersatz für menschliche Kreativität, sondern ein neues Tool, das neue künstlerische Möglichkeiten eröffnet.

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