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Künstlerroboter : Rumsbums, ratterknatter, pffffffffft

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Wenn ein simpler Knopfdruck den schöpferischen Akt des Künstlers ersetzt: In der Frankfurter Schirn stürmen Maschinen die Kunstszene - eine Ausstellung mit hohem Unterhaltungswert.

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          „Befreien Sie sich, indem Sie Ihre Kunstwerke selbst schaffen, mit den Malmaschinen ,Meta-Matics' von Tinguely“, hieß es im Jahr 1959 auf einem Flugblatt für die Ausstellung des Künstlers in der Pariser Galerie Iris Clert, und Marcel Duchamp war einer der Ersten, die sich maschinenmalend befreiten. Fast ein halbes Jahrhundert später zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt in der Ausstellung „Kunstmaschinen. Maschinenkunst“ - eine Zusammenarbeit mit dem Tinguely-Museum Basel - einige dieser machines à dessiner, die längst als moderne Klassiker gelten.

          Auch eine perfekte Kopie ist vorhanden, die sogar benutzt werden darf und sich als große Attraktion erweist, ganz im Sinne von Tinguely: Er wolle dem Publikum mit seinen Malmaschinen Vergnügen machen, sagte er 1959, als er auf die, wie er fand, konformistisch gewordene Malerei des Informel und Tachismus mit seinen Apparaten antwortete. Dass die „Meta-Matics“ gestisch abstrakte Malerei produzieren konnten, war Tinguelys hintergründige Parodie auf den idealistischen Glauben an den einzigartigen künstlerischen Schöpfungsakt.

          Computer als Malmaschinen

          Heute dienen Computer als Malmaschinen, und auf der Website von Miltos Manetas dürfen alle die Werke eines Protagonisten des Abstrakten Expressionismus weitermalen. Dem Vorwurf des Sakrilegs kommt der Kollege gewandt zuvor: Jackson Pollock habe nicht beeindruckende Kunst gemacht, sondern einen Weg gefunden, um beeindruckende Kunst zu machen. Auch Damien Hirst hat es gereizt, einen Künstlerroboter, eine Maschine, die den Künstler ersetzt, zu erproben: „Making beautiful Drawings“ heißt seine Zeichenmaschine, zu der künstlerisch ambitionierte Besucher eine Auswahl signierter Zeichnungen, Zeichenpapier und Buntstifte vorfinden. Wer Olafur Eliassons Installation „The endless study“ benutzt, die wie ein Harmonograph funktioniert, ein Gerät des neunzehnten Jahrhunderts zur grafischen Darstellung zweier Schwingungen, erhält die elegante Linienkomposition einer Ellipse oder eines Kreises.

          Ohne Beteiligung der Zuschauer bewegt sich Rebecca Horns „Preußische Brautmaschine“ mit den blau verspritzten Schuhen. Tue Greefoot verwandelt in seiner „Mobilen Trinkglaswerkstatt“ Einwegflaschen in Trinkgläser. Pawel Althammer stellt an seiner „Extrusion Machine“ laufend weiße Plastikflaschen in der Form eines nackten Körpers her, die seinen Vater ohne Idealisierung darstellen. Roxy Paine fertigt mit seinem „Auto Sculpture Maker“ wurstartige Gebilde von mäßigem Charme. Das hinreißendste Kunstwerk: Jean Tinguelys „Cyclograveur“ von 1960, eine phantastische, mehr als vier Meter lange, fragile Skulptur aus Altmetall, Fahrrad- und Blechteilen, mit Trommel, Zimbel und Buch, auf der Pontus Hultén noch lesend und maschinenmalend radeln durfte.

          Kunst mit Unterhaltungswert also. Doch die Schau, die sich nur im Katalog mit Kunstmaschinen vor Tinguely beschäftigt, könnte auch zu tiefen Gedanken darüber einladen, was es bedeutet, wenn der kreative Akt eines schöpferischen Individuums durch einen simplen Knopfdruck ersetzt wird. Gewiss aber bietet sie einen erfreulichen Beitrag zum Thema Humor in der bildenden Kunst und ein heiteres Pendant zur Ausstellung „Turner Moreau Hugo“ im selben Haus.

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