https://www.faz.net/-gqz-y42i

Künstlerpaare : In jedem Fall sind die Partner vernichtet

  • -Aktualisiert am

Das ästhetische Eheungleichgewicht und seine Folgen: Eine Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum spürt dem Schicksal von dreizehn Künstlerpaaren nach - und zeigt, dass Künstler keine besseren Ehemänner sind.

          4 Min.

          Szenen einer Ehe: Jemand wie Otto Modersohn, der seine junge Frau zu monatelangen Studien zwischen 1903 und 1907 nach Paris ziehen ließ, war unter den Männern seiner Generation eine rare Ausnahme. Doch er wusste ja, dass Paula Modersohn-Becker auch in der Ehe das Leben einer Künstlerin führen wollte: „Dass ich mich verheirate, soll kein Grund sein, dass ich nichts werde“, schrieb sie 1900, ein Jahr vor der Heirat, an den Verlobten. Und sie wurde etwas: eine große Malerin, die freilich lange unterschätzt blieb (Sensationell: Zwei Ausstellungen Paula Modersohn-Beckers in Bremen).

          Otto Modersohn, Maler stimmungsvoller Landschaften, schrieb anfangs voll des Lobes, seine Frau sei ihm und den anderen Worpsweder Künstlern „thurmhoch“ überlegen. Aber schon bald irritierten ihn die starken, von Gauguin inspirierten Figurenbilder seiner Frau, die sich von der Pariser Avantgarde zu einer rigoros vereinfachten Formensprache anregen ließ. „Die Farbe ist famos, aber die Form? ... Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Crétins“, „alles eckig, hässlich, bizarr, hölzern“, notierte er im Tagebuch - eine seiner seltenen kritischen Äußerungen.

          Hauptsache Stille

          Ihre erklärte Absicht, ihren Mann zu verlassen, um ein neues Leben in Paris zu beginnen, gab Paula schließlich auf und schrieb Clara Rilke-Westhoff: „Die Hauptsache ist: Stille für die Arbeit, und die habe ich an der Seite Otto Modersohns am meisten.“ 1907 starb sie mit einunddreißig Jahren im Wochenbett. „Denn irgendwo ist eine alte Feindschaft zwischen dem Leben und der großen Arbeit“, befand Rainer Maria Rilke damals in seinem Requiem für die Freundin. Wie unterschiedlich sich die Malerei der beiden Modersohns entwickelt hatte, wird im Kölner Wallraf-Richartz-Museum sehr deutlich: Paula ist mit ergreifenden Kinderbildern von großer Unmittelbarkeit vertreten, auch mit ihrem hinreißenden „Selbstbildnis mit Hut und Schleier“, Otto dagegen mit anmutigen Schilderungen von Birken im Moor oder einem sonnigen Herbsttag.

          Der Untertitel „Liebe, Kunst und Leidenschaft“ der Ausstellung „Künstlerpaare“ suggeriert das romantische Bild eines glücklichen Paares, das sich nach lustvollen Nächten in gegenseitiger Inspiration der Kunstproduktion widmet. Die Wirklichkeit sah freilich anders, oft sogar ziemlich negativ aus, was schon lange bekannt ist. Denn der Typus des Künstlerpaars hat als Thema zahlreicher Ausstellungen und Publikationen seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts immer noch Hochkonjunktur - vielleicht, weil das zu Recht als unfein geltende Interesse für die Ehen anderer Leute eher akzeptabel erscheint, wenn es sich um Künstler handelt? Nach Thomas Bernhard gibt es jedoch „nichts Fürchterlicheres, nichts Abstoßenderes“ als die Künstlerehe, wie er uns in den „Berühmten“ wissen lässt: „Sind es zwei Talente, / wie groß immer, / vernichten sie sich, / zuerst das eine das andere, / und dann umgekehrt. / Entweder die Frau unterwirft sich / oder sie wird vernichtet, / oder der Mann unterwirft sich / oder er wird vernichtet. / In jedem Fall sind die Partner vernichtet.“

          Mittelmäßige Männer

          Bei den dreizehn Beispielen dieser Ausstellung handelt es sich, ähnlich wie bei früheren Ausstellungen, stets um verstorbene Paare, deren Miteinander unter allen möglichen Aspekten - kreativer Austausch oder Einfluss? Rivalität? Selbstbestimmung des weiblichen Partners? Künstlerische und persönliche Harmonie? - naturgemäß lediglich anhand von Briefen und Tagebüchern erforscht werden konnte. Und so dürfte das Ergebnis mitunter nur einem „educated guess“ ähneln.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Protest gegen den Bergbau: Eine Demonstrantin bei der Dem „New South Wales brennt, Syndey erstickt“ in Sydney.

          Kohleabbau in Australien : „Fast jeder Minenarbeiter besitzt ein Boot“

          Das Hunter Valley ist das Ruhrgebiet Australiens. Hier leben die Menschen von der Kohle. Viele hat das „schwarze Gold“ reich gemacht. Doch auch sie spüren die Folgen des Klimawandels – und fragen sich, wie es weitergehen soll.

          F.A.Z. Podcast für Deutschland : Die neue deutsche Rolle im Libyen-Konflikt

          Kann es wirklich Frieden geben in Libyen? Der politische Herausgeber Berthold Kohler und Nahost-Korrespondent Christoph Ehrhardt sprechen darüber mit Moderator Andreas Krobok. Außerdem: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über Fakenews und Sportwissenschaftler Professor Daniel Memmert über immer jüngere Fußballstars.

          Digitalkonferenz DLD : Die neuen Entdecker

          Geographisch ist die Welt erkundet. Nun liegt es an den Nerds, die Menschheit dorthin zu bringen, wo sie noch nicht war. Dabei hat die Informatik im einundzwanzigsten Jahrhundert ihre Unschuld endgültig verloren.
          Der amerikanische Präsident Donald Trump zwischen dem Vizepräsidenten Mike Pence (rechts) und Chinas Chefunterhändler Liu He (links) in Washington.

          Zusatzzölle : Trump verrechnet sich im Handelskrieg

          Die vom amerikanischen Präsidenten verhängten Zölle hatten nicht die Wirkungen wie von ihm erhofft. Zu diesem Ergebnis kommt die Bundesbank in einem neuen Bericht. Für viele seiner Wähler ist das eine schlechte Nachricht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.