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„Künstlerin sein!“ in Frankfurt : Der Kaiser, gemalt von einer Frau!

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In der ganzen Republik werden endlich die Werke von Malerinnen aus den Depots geholt. Auch im Frankfurter Museum Giersch, wo an diesem Sonntag die Ausstellung „Künstlerin sein!“ eröffnet, werden viele unbekannte Bilder zu sehen sein.

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          Diesen Herbst ist alles anders: In den vergangenen Jahren gehörte es eher zu den Ausnahmefällen, dass in der Post oder im E-Mail-Fach dieser Kunstredaktion ein Flyer eintraf, mit dem uns ein Museum auf eine Ausstellung hinwies, die einer Künstlerin der Vergangenheit gewidmet war. Wir fuhren meistens hin. Fast immer gab es Bilder zu entdecken, für die sich der Weg gelohnt hatte. Häufig lernte man dabei die kleineren Häuser der deutschen Museumslandschaft kennen, denn sie waren es mehrheitlich, die sich die Mühe machten, Leben und Werk von Künstlerinnen zu erforschen – jenseits des Kanons und jenseits der Aussicht, einen Blockbuster zu landen.

          Und jetzt? In diesem Herbst gibt es so viele Ausstellungen zu Künstlerinnen der Jahrhundertwende und der Moderne wie niemals zuvor. Im Frankfurter Museum Giersch eröffnet an diesem Sonntag „Künstlerin sein!“, eine Schau mit Werken von Ottilie W. Roederstein, Emy Roeder und Maria von Heider-Schweinitz. Im Museum Wiesbaden läuft noch bis Oktober die Ausstellung über die Malerin und Galeristin „Hanna Bekker vom Rath als Wegbereiterin der Moderne“; das Kunst Archiv Darmstadt zeigt bis Februar eine Ausstellung mit dem Titel „Der weibliche Blick. Vergessene und verschollene Künstlerinnen in Darmstadt“. Im bayerischen Murnau startete kürzlich die wunderbare Ausstellung zur Expressionistin Erma Bossi, in Berlin hängen noch bis Anfang Oktober die großformatigen Abstraktionen von Hilma af Klint im Hamburger Bahnhof, und das „Verborgene Museum“ in der Berliner Schlüterstraße zeigt einen Querschnitt durch die Arbeit von zwei Jahrzehnten mit „Künstlerinnen im Dialog“. Von einer Flut zu sprechen wäre übertrieben, die Ausstellungen zu den Herren der Jahrhundertwende und der Moderne überwiegen weiter. Aber: Es ist ein sprudelnder kräftiger Bach, der sich durch die Republik schlängelt. Klar, schnell, glitzernd.

          Die Ausnahmefrau

          Aber damit nicht genug. Denn dieses Mal scheinen auch die Museen mitzuziehen, die ständigen Sammlungen, die das Grundwasser, den Quell der Kunstgeschichte bilden, ohne den jeder noch so muntere Fluss irgendwann versickern müsste. Ebenfalls so häufig wie nie zuvor hat man die Depots gesichtet und angezapft, um aus den Tiefen der Keller Gemälde oder Skulpturen von Künstlerinnen hervorzuholen, die ungesehen die längste Zeit ihres Dasein im Dunkeln verbracht haben. Das Frankfurter Städel Museum etwa hat für die Selbstbildnisse Ottilie W. Roedersteins, die wenige Schritte weiter nun Teil der Ausstellung „Künstlerin sein!“ im Museum Giersch ist, ein Kabinett eingerichtet. Und in den Depots der Berliner Alten Nationalgalerie stieß Philipp Demandt, der seit 2012 die Institution leitet, auf ein Gemälde von 1893, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Es ist ein Porträt Kaiser Wilhelms II., gemalt hat es eine Frau. Ebendas scheint auf den ersten Blick so unglaubwürdig, als hätte man Gandhi beim Schnitzelessen erwischt.

          Nun hängt das Bild prominent in der Schausammlung der Alten Nationalgalerie und straft alle Lügen, die noch weiter behaupten wollen, es habe keine, kaum oder nur wenig Frauen in der Kunstgeschichte gegeben. Wilhelm II., zur Erinnerung, war der Kaiser, der 1905 dafür sorgte, dass Frauen das Kunststudium an den staatlichen Hochschulen untersagt blieb. Der Verein Berliner Künstlerinnen hatte damals eine Petition eingereicht, um die Zulassung zu erreichen, zu den Unterzeichnenden zählte beispielsweise Käthe Kollwitz. Die Petition wurde abgeschmettert – durch den Leiter der Kunsthochschule Anton von Werner, Lieblingsmaler des Kaisers und dessen kunstpolitische rechte Hand.

          Von malenden Frauen hielt der Kaiser im Allgemeinen nichts, an der 1863 in Ungarn geborenen Vilma Parlaghy hatte er jedoch einen Narren gefressen. Sie war die Ausnahmefrau, von deren malerischen Talenten er sich ein neuen Anstrich versprach. Mit Pinsel und Palette machte sie aus dem steifen Staatsoberhaupt einen romantischen Helden, mit glänzenden Augen und in funkelnder Gardeuniform. Zum Dank verlieh ihr Wilhelm 1894 die Große Goldene Medaille, gegen den Wunsch der Jury und einer tobenden Kritik. Ausgerechnet der Kaiser protegierte eine Frau, der vom Establishment vorgeworfen wurde, ihre Kunst werde der „Würde“ des Kaisers nicht gerecht.

          Ein neues Epochenbild setzt sich zusammen

          Natürlich ist das Bildnis ein Propagandastück der Monarchie. Aber es ist auch ein Lehrstück der Kunstgeschichte. Vilma Parlaghy hatte deshalb zu Lebzeiten Erfolg, weil sie gefördert wurde. Diese Tatsache verbindet sie mit sämtlichen bekannten Männern der Kunstgeschichte, hinter denen immer ein Netzwerk stand: von Vincent van Gogh bis zu Pablo Picasso. Es ist der Teil der Kunstgeschichte, der immer noch viel zu selten erzählt wird. Bis heute wollen Künstler wie Georg Baselitz ihr Publikum glauben machen, sie hätten sich mit dem Kopf durch die Wand in die Kunstgeschichte gerammt.

          In diesem Herbst wird auch von diesen Künstlerlegenden Abschied genommen: In den häufig hervorragend recherchierten Katalogen liest man über die Vereine, Netzwerke oder Galerien, die Frauen bereits im 19. Jahrhundert gründeten; die privaten Malschulen, die sie besuchten, die Ateliers, die sie sich teilten, die Ausstellungen, die sie organisierten. Stein für Stein setzt sich ein neues Epochenbild zusammen.

          Wenn es so weitergeht wie in diesem Kunstherbst, dann werden wir bald mit ungläubigem Kopfschütteln auf die Zeiten zurückblicken, in denen man glaubte, Kunstgeschichte ohne Frauen schreiben zu können.

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