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Künstlerin Etel Adnan : Das Leuchten der Zukunft

  • -Aktualisiert am

Sie gilt als eine der wichtigsten Wiederentdeckungen der arabischen Gegenwartskunst. Der libanesischen Malerin Etel Adnan wird jetzt in Salzburg eine Schau gewidmet. Ein Hausbesuch in Paris.

          5 Min.

          Es ist ein Spätnachmittag in der Rue Madame im 5. Arrondissement von Paris. Der Herbst legt sich langsam über den wenige Fußminuten entfernten Jardin du Luxemburg, die Kirche Saint Sulpice strahlt um die Ecke in einem schrägstehenden Licht. Etel Adnan sitzt, fast liegend, in einem roten Sessel in ihrem schummrigen, mit Perserteppichen belegten Wohnzimmer und bohrt ihre ganz erstaunlich kleinen Hände in die Ärmel ihres hellblauen Kaschmirpullis. Ihr Blick ist hellwach. Wo wollen wir anfangen? In der Zukunft, findet sie.

          Wer dachte, eine Dame, die vor fast neunzig Jahren als Tochter einer griechisch-orthodoxen Mutter und eines syrisch-muslimischen Vaters in Beirut geboren wurde, die an der Sorbonne und in Berkeley studierte, die ebenso erfolgreich malt, wie sie als Literatin schreibt und mit fast allem, was sie tut, nonchalant Grenzen durchbricht, würde es vor allem um die Vergangenheit gehen, liegt falsch. Und statt über die große Ausstellung „Etel Adnan. Berge schreiben“ im Museum der Moderne Salzburg zu sprechen, möchte sie erst einmal über das reden, was noch kommt: „Ich arbeite gerade an einem neuen Buch. Es heißt ,night‘, wie die Nacht.“ Ihre dunklen Augen leuchten unter den buschigen grauen Augenbrauen. Draußen vor den mannshohen Fenstern geht die Sonne unter, hier drinnen schwärmt sie von der Schönheit der Nacht, ihrer liebsten Tageszeit: „Es ist schade, dass man nachts keinen mehr findet, der mit einem rausgehen möchte. Ich mag es, wenn die Dunkelheit die Landschaften verschluckt, das hat eine besondere Qualität. Ein bisschen wie der Schnee, der verändert das Gesicht der Dinge auch.“

          An der Grenze von Figuration und Abstraktion

          Ihre Stimme ist rau und tief, ihr Französisch klingt um das „R“ herum immer ein bisschen arabisch. Was wir wohl geworden wären, wenn wir alle Tiere der Nacht wären, fragt sie jetzt. Adnan war Schriftstellerin, schon lange bevor die Documenta sie im vergangenen Jahr, mit 87 Jahren, quasi über Nacht als eine der interessantesten zeitgenössischen Malerinnen und die vielleicht interessanteste (weil quasi einzige) arabische Malerin des letzten Jahrhunderts bekanntmachte. Sie galt schon lange als Grande Dame der arabischen Literatur - und jetzt auch der Malerei.

          Ein bisschen lustig sei das ja schon, sagt sie und lässt ihr Bein vorschnellen, als säße sie auf einer großen Schaukel. Eigentlich kam die Malerei nämlich vor ihrer Literatur. Eine Malerei, die an der Grenze von Figuration und Abstraktion immer neue Kompositionen versucht, man kann gerade noch Gegenstände, Landschaften erahnen, aber sie verlieren ihre Form, stattdessen tritt ein Ton, eine Stimmung in den Vordergrund. Ihre Kunst könnte in jedem Museum neben jedem De Kooning hängen. Aber die Literatur machte sie bekannt. Sie schrieb zu einer Zeit, als libanesische Frauen ihre Heimat höchstens verließen, um zu heiraten, und schon deshalb ist die Rolle der Frau, nicht nur im arabischen Raum, eines ihrer großen Themen. Immer wieder beschreibt sie in ihren Büchern, wie unterschiedlich Frausein gelebt werden kann, je nachdem, ob man nach Frankreich, Italien, Griechenland oder in den Libanon schaut.

          „In der Nacht werden wir Erkenntnis finden“

          Der Begriff der „Feministin“ ist ihr trotzdem suspekt. Fragt man sie danach, runzelt sie unwirsch die Stirn. „Man kann doch mit diesem Begriff nicht alle Frauen dieser Welt in ein Bett legen“, sagt sie und fuchtelt jetzt mit ihren kleinen Händen in der Luft: „Das ist doch Quatsch!“ Es geht um eine andere Einstellung, eine neue Offenheit der Geschlechter zueinander, sagt sie, die seit Jahrzehnten mit einer Frau, der Künstlerin Simone Fatal zusammenlebt.

          Zurück zu ihren Büchern. In ihren Augen: Was sind die zwei bedeutendsten? Sie überlegt gar nicht, das ist ganz klar. Auf jeden Fall „Sitt Marie Rose“ (in Deutschland vergriffen, aber ab Februar 2015 bei Suhrkamp neu aufgelegt), in dem sie von einer jungen Syrerin erzählt, die von christlichen Milizen entführt und ermordet wurde, weil sie sich für taubstumme Kinder und die Palästinensische Freiheitsbewegung PLO engagierte. Und dann natürlich „Arabische Apokalypse“, ein Gedichtzyklus über den libanesischen Bürgerkrieg, der zwischen 1975 und 1990 in Beirut wütete. Damals endete das letzte Gedicht hoffungsvoll: „In der Nacht in der Nacht werden wir Erkenntnis finden Liebe und Frieden.“ Heute wirken ihre Texte auf brutale Weise aktuell, als würden sie von heute, vom Krieg in der Region handeln. „Der Krieg zerstört alles. Mit dem Bürgerkrieg haben sie damals den Libanon so, wie er einst war, beerdigt.“ Das Thema zehrt an ihr, das merkt man.

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