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„Künstler und Propheten“ : Malen, so weit der Arm reicht

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Was haben Karl Wilhelm Diefenbach, Egon Schiele und Jörg Immendorff gemeinsam? Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt macht sie zu Helden einer „geheimen Geschichte der Moderne“.

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          Diese Ausstellung durfte schon mit Spannung erwartet werden, als sie angekündigt wurde. „Künstler und Propheten“ lautet der Titel. Und es ist endlich eine Schau, die sich etwas traut, endlich eine Schau, die eine neue, eigene, ganz andere Geschichte erzählt. Der Ansatz ist ehrgeizig und nicht nur eine Fußnote zur Kunstgeschichte: Hundert Jahre werden umspannt, der Bogen reicht vom neunzehnten Jahrhundert bis in die siebziger Jahre, zu Joseph Beuys, Friedensreich Hundertwasser und Jörg Immendorff. Es kommen - neben den bereits genannten - eine Reihe weltberühmter Künstler darin vor, Egon Schiele etwa oder Frantisek Kupka. Sie alle, so die These, haben etwas gemeinsam. Über diese Gemeinsamkeiten aber sei bisher geschwiegen worden. Es handele sich, so der Untertitel, um „eine geheime Geschichte der Moderne 1872-1972“.

          Welches Geheimnis wird hier also gelüftet? Der Besucher betritt mit dieser Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt eine gewaltige Architektur, ein hoch aufragendes Labyrinth, das um Ecken führt, in Nischen und Kammern, um sich wieder zu Sälen zu öffnen. Das erste Geheimnis, dem wir dort begegnen, hat einen wuchtigen Bart, lange Haare, trägt Kutte und auf Hüfthöhe eine Ledertasche. Es ist Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913), der Urtypus des Künstlerpropheten, der 1882 eine Offenbarung hatte, die unter anderem dazu führte, dass er von da an nur noch barfuß lief.

          Stumme Betrachter, bessere Menschen

          Diese Geschichte bietet viel Stoff für Ironie. Erklären kann ein solcher Zugriff aber mindestens zwei Phänomene nicht: zum einen, dass Diefenbach, der kurzzeitig in München an der Akademie studiert hatte, in der Lage war, hinreißende Kunst zu schaffen. Er glaubte daran, dass Bilder die Kraft besäßen, aus stummen Betrachtern bessere Menschen zu machen, spirituelle und friedfertige. Die frohe Botschaft verkündete er in seinen Kommunen bei München und Wien.

          In Frankfurt sind Teile seines monumentalen Frieses „Per aspera ad astra“ zu sehen, übersetzt „durch Mühsal zu den Sternen“. Er schuf ihn im Jahr 1892, ein knappes Jahrzehnt vor Gustav Klimts berühmtem Beethovenfries. Klimt kannte natürlich Diefenbachs Werk - die Geschichte lässt sich im Katalog nachlesen.

          In seinem Fries lässt Diefenbach eine übermütige Karawane lostollen. Kinder, Äffchen, Zicklein, Elefanten, Kamele oder Hunde. Sie musizieren, schlagen Salti, hüpfen und hopsen. Die Figuren sehen aus wie Scherenschnitte, sie tragen Flöten, Hörner und Schellen. Kurzum, das Werk zeigt, was die amerikanische Soul-Band Sister Sledge in ihrem größten Hit singt: „We are family.“ Diefenbach nahm seine Lehren ernst. Er war überzeugter Vegetarier, eine Entscheidung, die im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert (und mitunter auch heute noch) für hysterischen Spott sorgen konnte.

          Pioniere der Abstraktion

          Das andere und zweite Phänomen, das im Zusammenhang mit Diefenbach nicht übersehen werden sollte und das diese Schau ins Zentrum rückt: Diefenbach war das Vorbild für einige der namhaftesten Vertreter der Avantgarden. Kupka, einer der Pioniere der Abstraktion, schrieb 1894, wenige Jahre nachdem er von Prag nach Wien gezogen war: Diefenbach „ist ein ausgezeichneter Sittenprediger, Maler und Musiker und Dichter. Ich verkehre mit ihm sehr viel in letzter Zeit.“ Der Kommune schloss er sich an. Und auch Arthur Roessler, der Förderer und Vertraute des österreichischen Künstlers Egon Schiele, war ein bekennender „Diefenbacher“. In dessen Tradition sollte sich Schiele selbst als gemarterten Propheten darstellen.

          Damit aber zur entscheidenden Frage: Wie lassen sich solche Verbindungen ausstellen? Liest man sie nicht besser in einem Buch nach? Nein, denn mit der amerikanischen Kunsthistorikerin Pamela Kort ist nicht nur eine erfahrene Kuratorin am Werk, die im Übrigen auch den gesamten Katalog selbst geschrieben hat. In dieser Schau ist auch die Ausstellungsarchitektur brillant. In den besten Momenten produziert sie - von einem Raum zum anderen - den Effekt eines Märchenzauberschranks. Es scheint eben noch so, als wühle man sich durch Socken, Wäsche und Kleiderbügel, und landet plötzlich in einer anderen Welt. Der Schiele-Raum ist dafür ein gutes Beispiel. In den Vitrinen zuvor finden sich Drucksachen, Prospekte, Leporellos, Bücher, ein Mosaik aus Texten und Bildern. Ein Seitenpfad des Labyrinths führt zu Gusto Gräser, einem weiteren Guru und Maler, der als „Diefenbacher“ begann und einen sehr eigenwilligen, dichtbevölkerten Paradiesgarten malte. Diesen hat der Besucher noch im Blick, wenn sich die Wand öffnet - und ein Schiele-Saal erscheint. Darin: Schieles Künstlerpropheten, in sich gekehrt, verdreht, wie Kinder im Geburtskanal.

          Das Fensterrecht

          Mit diesem Kontrast von Fülle und Weite spielt die Schau, mal betörend, mal lehrreich, manchmal auch sehr lustig - etwa im Fall von Friedensreich Hundertwasser. Auch für ihn hat die Schau einen Raum reserviert. In einer Ecke wird eine Fernsehaufzeichnung von 1972 gezeigt, darin diskutiert der Maler und Architekt mit Bewohnern eines Mietshauses. Hundertwasser trägt zwei unterschiedliche Socken, Hausschuhe, die rot wie Wichtelmannmützen sind, seine Hose ist es ebenfalls. Er predigt das sogenannte „Fensterrecht“, das jedem Menschen zugesteht, die Fassade seiner Wohnung selbst zu gestalten. „Wie weit darf er malen?“, fragt verdutzt der Moderator. Hundertwasser darauf: „So weit der Arm reicht!“

          Der Ausstellungsparcours verbindet Außenseiter mit Stars des Kunstbetriebs, Berühmte mit Vergessenen. Der Erfolg von allen beruhte darauf, eine eigene Bilderwelt geschaffen zu haben, eine Corporate Identity, eine unverkennbare Ästhetik. Durch ihre Höhen und Tiefen führt diese überbordende Schau.

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