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Blaue Reiter-Künstler : Als Murnau die Moderne entdeckte

  • -Aktualisiert am

Schlafende Mädchen, 1926 Bild: Roman März

Das Schloßmuseum Murnau verortet den nahezu unbekannten Georg Schrimpf in die Künstlerszene der Moderne. Die traf sich in Gabriele Münters „Russenhaus“, wie eine zweite Ausstellung dort zeigt.

          5 Min.

          Das Münter-Haus in Murnau bezaubert immer wieder Besucher, die kaum glauben können, dass dieser ländliche Ort so eminent wichtig war für die Kunst der Moderne. Da steht es, weiß und himmelblau gestrichen unter seinem großen Walmdach im bunten Garten, den Wassily Kandinsky einst in Lederhosen umgrub. Sein Zylinder hängt drinnen neben dem Bett, nebenan trägt Gabriele Münters Palette noch die Farbspuren letzter Nutzung. Das Paar verbrachte die Sommer in dem Haus, das Münter 1909 gekauft hatte; sie lebten dort mit selbstbemalten Möbeln und viel Volkskunst, die sie in der Gegend sammelten und die, genauso wie das schöne Alpenvorland, wesentliche Inspirationsquelle wurde für den hier in Oberbayern geborenen Expressionismus des Blauen Reiters und Kandinskys weiteren Weg in die abstrakte Kunst. Mit Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin hatten sie das verschlafene Örtchen entdeckt, nun kamen auch andere Freunde und Mitstreiter zu Besuch, und man sieht es vor sich, wie 1911 August und Elisabeth Macke, Franz und Maria Marc bei den Redaktionssitzungen für die Programmschrift, den Blaue-Reiter-Almanach, am Tisch in der Essecke diskutieren.

          Abstand zum „Russenhaus“

          Der erste Weltkrieg zerschlug diesen Kreis gründlich. Erst ab 1932 lebte Münter mit ihrem zweiten Lebensgefährten Johannes Eichner fest im Haus, in dessen Keller sie den kostbaren Bilderschatz Kandinskys und der Freunde vor den Nazis verstecken konnten und der dann dank ihrer Stiftung das Münchner Lenbachhaus zu einem Museum von Weltrang machte.

          So stolz Murnau heute auf das Haus und seine prominenten Bewohner ist, so argwöhnisch wurde das Treiben dort zu Lebzeiten Gabriele Münters beobachtet. Eltern warnten ihre Kinder, gehörigen Abstand zum „Russenhaus“ zu halten, berichtet eine Dame, die das selbst noch erlebte, schließlich gingen dort unverheiratete Paare genauso ein und aus wie suspekte Fremde. Seit das Münter-Haus 1999 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, gibt es alle zwei Jahre eine Neupräsentation.

          Zwei Mädchen auf der Ofenbank, 1927

          In der aktuellen Jubiläumsaustellung stellt Kuratorin Isabel Jansen das Haus als einen Ort der Begegnung vor. In der ehemaligen Waschküche läuft Musik von Arnold Schönberg. Kandinsky, der selbst Harmonium spielte, hatte in einem Konzert große Geistesverwandtschaft zu Schönberg gespürt und ihn umgehend um Beiträge zum Almanach gebeten. Und der Komponist, der auch malte, lieferte: Bilder, Text und Noten. Auch Thomas von Hartmann strebte eng verbunden mit Kandinsky nach der Synthese aller Kunstgattungen im Sinne des Almanachs. Münter porträtierte den russischen Komponisten sinnend im Profil, und mit seiner Frau Olga mit den schönen dunklen Augen gelang ihr eines ihrer besten Bildnisse.

          Auch in ihrer zweiten Murnauer Zeit umgab die Münter ein großer Bekanntenkreis. Verwandte, Künstler und Freunde reisten an, der Kunsthistoriker Franz Roh erschien mit Kurt Schwitters, und die Dame des Hauses malt Deutschlands erste Museumsdirektorin, Hanna Stirnemann aus Jena. Haus und Garten machen viel Arbeit, Frau Münter sucht Hilfe und es kommt Ellen Brischke als Haustochter. Aus guter Familie im Rheinland „legt sie weniger Wert auf Taschengeld, als auf Freistunden abends 3x wöchentlich und zum Schwimmen“, schreibt Münter. Tatsächlich schwammen die Frauen gemeinsam, musizierten, kochten und rauchten. Fünf Bildnisse entstehen in diesen Sommermonaten 1934, eines zeigt Ellen im roten Badeanzug beim Kartoffelschälen im Garten, ein anderes mit aufgestütztem Kopf am Tisch und alle nebeneinander Münters große stilistische Offenheit in jener Zeit.

          Erstmals präsentiert das Münter-Haus auch ein zeitgenössisches Werk, mit ihm schlägt die Münchner Künstlerin Caro Jost den Bogen vom Murnauer Künstlerzirkel in die Zukunft von damals. Im Archiv der Stiftung fand sie Münters handschriftliche Liste potentieller Mitglieder der Neuen Künstlervereinigung München, der Vorgängerorganisation des Blauen Reiters. Sie vergrößerte das Schriftstück als Siebdruck auf Leinwand und kombinierte es mit einem Farbstreifen aus Gelb, Blau und Rot, eindeutiger Verweis auf Barnett Newman und den Abstrakten Expressionismus in Amerika, der ohne seine europäische Vorgeschichte nicht denkbar ist.

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