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Künstler Ivan Murzin : Der Mythos von Sisyphos

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Camus, der griechische Mythos und die Gegenwart: Ivan Murzin mit seinem „Sisyphus Museum“ auf der Frankfurter Gallusanlage Bild: Frank Röth

In der Krise muss jeder den Felsblock weiter den Berg hinauf rollen: Der Künstler Ivan Murzin schiebt ein kleines Museum durch die Stadt.

          3 Min.

          In jeder Krise gibt es wichtige Begleiter. Für Ivan Murzin ist es eine Lektüre. Schon oft, sagt der Künstler, habe er in schwierigen Momenten zu „Der Mythos von Sisyphos“ von Albert Camus gegriffen. Murzin liest Camus’ Versuch über das Absurde als Umschreibung des künstlerischen Schaffens: die Kunst als freies, absurdes Tun. Es ist ein sonniger, warmer Frühlingstag, Murzin sitzt auf einer Parkbank in der Gallusanlage. Er trägt eine verspiegelte Sonnenbrille, seine Haare sind, dem Lockdown geschuldet, einen Tick zu lang. Im Schatten der Bankenhochhäuser herrscht moderate Mittagspausengeschäftigkeit. Vereinzelte Maskenträger erinnern an die omnipräsente Virengefahr.

          Etwa zehn Meter von der Sitzbank entfernt steht ein kastenartiges Objekt auf Rollen. Der Schriftzug „Sisyphus Museum“ ist darauf zu lesen. Es ist rundherum mit unzähligen kleinen Fotografien beklebt, die sich hinter einem Gitter befinden. Die Bilder zeigen stets dieselbe Szenerie: Eine einsame, geradezu nach Caspar David Friedrich aussehende Figur steht in einer weiten, weißlichen Landschaft. Einige Passanten schauen sich die Fotografien aufmerksam an und lesen den erläuternden Text. Die Neugierde eines Betrachters reicht so weit, dass er das Innere des Museumskastens untersuchen möchte. Wenige Momente später entschuldigt er sich wortreich bei Murzin.

          Das „Sisyphus Museum“, so dessen englische Schreibweise, ist das jüngste Projekt des 1985 geborenen Künstlers. Er habe es Mitte März entwickelt, als sämtliche Museen, Galerien und Ausstellungsräume coronabedingt schließen mussten, erzählt er. Viele Künstler hätten damals über die Verlagerung ihrer Aktivitäten ins Internet gesprochen. „Ich habe darüber nachgedacht, wie ich nicht online arbeiten kann“, sagt Murzin. Das bewegliche Museum entstand in seinem Raum im Atelierhaus „Basis“ aus Materialien, die von früheren Projekten übrig geblieben waren. Immer wieder bringt Murzin das „Sisyphus Museum“ für mehrere Stunden in den öffentlichen Raum. Er beobachtet die zufälligen Betrachter. Mit manchen kommt er ins Gespräch. Es interessiere ihn, was die Ausstellung in ihnen auslöse, sagt der Künstler.

          Ausstellung begleitet aktuelle Beschränkungen

          Den Namen des mit eigenen Fotografien bestückten Museums erklärt Murzin mit einer schlichten Metapher: Wie Sisyphos, der den Stein immer weiter rollt, ziehe er als Künstler mit dem Museum durch die Stadt. Aber auch Camus’ Essay ist für ihn eine wichtige Referenz. Die erste Ausstellung reflektiere die gegenwärtige Situation des „social distancing“. Er plane, sein Museum so lange zu betreiben, wie die Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln in Kraft blieben – also wohl noch eine ganze Weile lang. Mit den nächsten Ausstellungen wolle er auf die weitere Entwicklung der Situation reagieren.

          Fortbewegung und Reisen sind oft der Ausgangspunkt seiner Projekte. Vor der letztjährigen Absolventenausstellung der Städelschule verbrachte Murzin mehrere Wochen auf verschiedenen Halligen in der Nordsee. „Ich wollte verstehen, wie die Menschen dort leben“, erinnert er sich. Murzin arbeitet in verschiedenen Medien, wobei Fotografie einen breiten Raum einnimmt. Beim Gespräch in der Gallusanlage trägt er eine analoge Mittelformatkamera bei sich. Die im Alltag entstehenden, mitunter flüchtigen Aufnahmen betrachtet er indes nicht als künstlerische Werke. Vielmehr seien sie „ein Training des Blicks“.

          Das Interesse für Fotografie begleitet Murzin seit seiner Kindheit. Er wuchs in der sibirischen Stadt Irkutsk auf. Sein Vater, erzählt Murzin, sei Kameramann gewesen, und so habe er schon mit sechs angefangen zu fotografieren. Nach einem Ingenieursstudium arbeitete er in der IT-Branche. „Das hat keinen Spaß gemacht“, bekennt Murzin, der dazu eine etwas flapsige russische Formulierung benutzt. 2008 zog er nach Moskau, um zunächst als Theaterfotograf zu arbeiten. Es folgte ein Studium an der dortigen Rodchenko School of Photography and Multimedia. Moskau sei, so Murzin, eine erstaunliche Stadt, die aber jegliche Energie aussauge. Die russische Hauptstadt habe nicht zu ihm gepasst.

          Frankfurt erinnert an Irkutsk

          Ein Besuch der Kasseler Documenta im Jahr 2012 öffnete ihm die Augen für die Weite der Kunstwelt. Ein Jahr darauf bewarb er sich erfolgreich an der Städelschule, wo er bei Judith Hopf studierte. Seitdem lebt er in Frankfurt. Die Stadt sei von der Größe und vom Lebensrhythmus her mit Irkutsk vergleichbar, sagt Murzin. Ein entscheidender Unterschied aber ist für ihn die geographische Lage. Während Frankfurt mitten in Europa liege, sei seine Geburtsstadt „einfach weit weg“. Ein Umzug nach Berlin kam für Murzin nicht in Frage. Es sei leicht, sich in der Hauptstadt zu verlieren, betont er. Frankfurt hingegen biete mehr Chancen, wahrgenommen zu werden. Seine Wahlheimat sieht er als eine „gute Basis“.

          Keine gute Grundlage bietet die derzeitige Situation, um Zukunftspläne zu schmieden. Im Juni sollte Murzin an einem Fotografiefestival in Kopenhagen teilnehmen. Es sei unklar, ob und in welcher Form es stattfinde, bedauert der Künstler. Und so konzentriert er sich auf sein aktuelles Projekt. Er werde weitere Ausstellungen im „Sisyphus Museum“ zeigen, sagt Murzin. Daraus könnten wiederum weitere Arbeiten entstehen, hofft er. Das Gespräch beendet er mit einem bildhaften russischen Ausspruch, der die derzeitige Ungewissheit auf den Punkt bringt.

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