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Künstler Ai Weiwei : Der Mann, der China die Moderne bringt

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Er ist der bekannteste chinesische Künstler - doch Ai Weiwei ist noch viel mehr. Mit seinem Blog hat er in seiner Heimat eine neue Öffentlichkeit geschaffen. Bei einem Besuch gibt Ai, der Chinas Regierung ebenso kritisiert wie den Westen, Auskunft über seine Rolle.

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          Der Pekinger Künstler Ai Weiwei ist zu „unserem“ Chinesen geworden, zum obersten Dolmetscher seines Landes in der westlichen Welt. Seitdem er zur letzten Documenta 1001 Landsleute nach Kassel brachte, trauen ihm insbesondere die Deutschen zu, von Tibet über die Olympischen Spiele bis zu den verschwiegenen Erdbebenopfern alles Irritierende an China zu erklären - auf eine Weise, die ebenso einleuchtend wie moralisch respektabel wirkt; kaum einer kritisiert die chinesische Regierung mit so offenen Worten wie er. Neuerdings äußert er sich in westlichen Medien nicht weniger unerschrocken und kritisch auch zu westlichen Themen wie dem amerikanischen Kapitalismus, was dann schon auf etwas weniger Beifall stößt. Im Herbst wird er sich sogar mit der deutschen Vergangenheit befassen, wenn er das gesamte Haus der Kunst in München in einer Einzelausstellung bespielt und sich dabei auch mit dem nationalsozialistischen Erbe des Baus beschäftigen wird.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dabei ist seine Rolle als Intellektueller zwischen den Welten vielleicht schon zu selbstverständlich geworden. Denn sie verdeckt, dass diese Planstelle sonst nicht besetzt ist: Trotz ständig zunehmenden kulturellen und akademischen Austausches tauchen in westlichen Debatten chinesische Schriftsteller und Gelehrte bisher kaum auf, sehr im Unterschied zu ihren Kollegen etwa aus Indien, Lateinamerika oder dem Nahen Osten. Inhalt und vor allem Form der Äußerungen chinesischer Intellektueller scheinen sich erst innerhalb eines Zusammenhangs zu erschließen, der dem westlichen Publikum unbekannt ist; in ihrer Kommentarbedürftigkeit sind sie dann aber wieder abhängig von den Mustern der westlichen Interpreten. Und Chinesen, die die Distanz überspringen wollen und sich für ihre Botschaften westlicher Kommunikationsformen bedienen, können wiederum oft, ob mit oder ohne Grund, den Verdacht der Zweideutigkeit oder gar Manipulation nicht abstreifen, dem in dem verminten machtbesetzten Gelände zwischen den Hemisphären schwer zu entgehen ist.

          Öffentlicher Raum als Kunst

          Dass Ai Weiwei sich darin so souverän bewegt, liegt nicht nur daran, dass er viele Jahre in Amerika verbracht hat - das haben andere auch getan. Es kommt vor allem daher, dass er den öffentlichen Raum - sowohl jenen innerhalb Chinas als auch den zwischen China und dem Westen - immer mehr zum eigentlichen Gegenstand seiner Kunst macht. Seine zahllosen Blogeinträge, Artikel, Fotos und Interviews begleiten längst nicht mehr bloß sein Werk, sie sind zu dessen Inhalt geworden. Die komplizierten Verschlingungen der ost-westlichen Redeweisen und Interessen sind dabei Gegenstand nicht bloß einer theoretischen Analyse, sondern einer Intervention - des Versuchs, die Wirklichkeit durch deren Veränderung zu interpretieren.

          Der Inkubationsort dieser Art Kunst war New York. 1981 zog Ai Weiwei dorthin, nachdem er in Peking 1979 schon kurzzeitig eine Rolle bei der Gruppe „Sterne“ gespielt hatte, die als die Vorhut der zeitgenössischen chinesischen Kunst gilt. In einer Ausstellung im Pekinger Museum „Three Shadows“ konnte man vor kurzem Fotos aus der New Yorker Zeit sehen, auf denen Ai neben Allen Ginsburg auftaucht, seinem Nachbarn, mit dem er über Dichtkunst, Jugendbewegungen, Politik und Buddhismus diskutierte. Noch bezeichnender sind die Bilder, auf denen er, andächtig und selbstbewusst zugleich, im Museum of Modern Art neben einem Objekt Marcel Duchamps posiert. Wenn es ein Vorbild für ihn gibt, sagt er, dann Duchamp. Wie der Meister war er von vornherein wenig daran interessiert, Kunst-Kunst zu produzieren und Bilder in einer Galerie aufzuhängen; er wolle, das gibt er immer wieder zu Protokoll, „Ideologie“ beeinflussen. In New York äußerte sich dieser Wunsch zunächst in eher formalen Zitaten, wenn er etwa einen Kleiderbügel in Form von Duchamps Totenmaske umbog.

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