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Künstler Ai Weiwei : Der Mann, der China die Moderne bringt

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Sein nächstes Thema waren die Kinder, die beim Erdbeben in Sichuan wegen der zu billigen Bauweise ihrer Schulen umgekommen waren. Ai wirft den Behörden vor, das Thema unter den Teppich zu kehren und sogar die genaue Zahl der Toten zu verheimlichen. Mit Hilfe von fünfzig Freiwilligen - gemeldet hatten sich auf einen Aufruf in seinem Blog dreihundert - hat er bis jetzt die Namen und Daten von fünftausend umgekommenen Kindern ermittelt. Die Namenslisten, die er im Blog veröffentlicht, werden gleich wieder gelöscht, doch er will später eine ausführliche Dokumentation daraus machen. In weiteren Einträgen schildern die Mitarbeiter detailliert Gespräche mit den Sicherheitsbehörden, die ihre Nachforschungen zu behindern suchen. Täglich stellt Ai außerdem mit fortlaufender Numerierung das Foto einer Kerze in den Blog - als Symbol der persönlichen Verantwortung und des individuellen Lebens, für das es weder in der traditionellen Kultur Chinas noch in der kommunistischen Kultur viel Sinn gegeben habe.

Die „Gangster-Kultur“ der Kommunisten

„Ich wähle die Themen aus“, sagt Ai, „die den größten gemeinsamen Boden haben, bei denen die öffentliche Meinung einerseits stabil erscheint und zugleich doch wandelbar.“ Oft ist gerätselt worden, weshalb sein Blog, von punktueller Zensur abgesehen, bislang unbehelligt geblieben ist, während anderen, geschweige denn Zeitungen, die gleichen Themen nicht erlaubt sind. Ai meint, jetzt sei genau die richtige Zeit, etwas zu unternehmen: China befinde sich in einer Krise, die Regierung müsse große Anstrengungen unternehmen, um Vertrauen zurückzugewinnen. In einem Eintrag bezeichnet er die Praxis der kommunistischen Herrschaft als „Gangster-Kultur“, an deren Verantwortungslosigkeit jeder mit verteilten Rollen Anteil habe. Im modernen China gebe es daher keinen anderen Weg, als „ernsthaft und ehrlich für Veränderung, Schöpfung und Aufbau zu kämpfen“.

Die Reaktionen zeigen, dass Ai Weiwei mit den beiden sich ergänzenden Forderungen nach transparenter Öffentlichkeit und persönlicher Verantwortung einen realen Kern der chinesischen Gegenwart trifft. Deshalb zitiert er nicht einfach das hergebrachte Muster „politischer Künstler“, sondern indem er Teil der gegenwärtigen Veränderungen seines Landes wird, ist er einer der wenigen Künstler in China, die sich heute wieder zur Realität außerhalb ihres Milieus in Beziehung setzen, wie das in den achtziger Jahren üblich war. Von seiner eigenen Selbstinszenierung ist das nicht zu trennen. „Ich gebrauche mich selbst als Readymade“, sagt er, „um meine Untersuchungen anzustellen. Es wird zu einem Lebenszweck, sich selbst als Beispiel zu nehmen.“ Dabei denkt er nicht allein an China; seine Öffentlichkeits-Kunst soll sich auch anderswo bewähren. Dieser Mann, dessen Bauch und Bart heute jeder kennt, wird mit seinen Fragen, die die vorhandenen Differenzen sowohl akzeptieren wie überschreiten, auch im Westen etwas verändern. „Darum dreht sich doch die Freiheit“, sagt er in aller Unschuld: „alles in Frage zu stellen.“

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