https://www.faz.net/-gqz-12f3x

Künstler Ai Weiwei : Der Mann, der China die Moderne bringt

  • -Aktualisiert am

Befreiung von der Last der Ansprüche

Als er 1993 dann zurück nach Peking kam, begann er, die chinesische Kultur zum Readymade zu machen. Dieser Prozess vollzog sich in mehreren Stufen. Zuerst ließ er zweitausend Jahre alte Vasen aus der Han-Dynastie vor laufender Kamera fallen - ein vergleichsweise konventioneller, für ihn aber vermutlich notwendiger Akt der Befreiung von der Last der Ansprüche, die Geschichte und Kunst stellen. In der Fotoserie „Fuck off“ hält er seinen Mittelfinger in eindeutiger Aussageabsicht vor symbolisch aufgeladene Orte wie das Weiße Haus oder den Platz des Himmlischen Friedens. Gleichzeitig formt er die Tradition spielerisch um, indem er Möbel aus der Ming-Zeit zu Gebilden mit eigener Logik, aber ohne jeden erkennbaren Zweck umbaut.

Eine neue Phase setzte dann mit dem Fairytale-Projekt zur Documenta ein. Indem er da reale Chinesen innerhalb und außerhalb des Kunstmilieus zum größten Ereignis des westlichen Kunstbetriebs reisen ließ, machte er die beiderseitigen Erwartungen zum Thema und damit jene Projektionen, die die Kulturen überhaupt erst wechselseitig konstituieren. Das war insofern bereits eine bewegliche soziale Plastik, als sich die Bilder - sowohl der Kasseler von „China“ wie der beteiligten Chinesen vom „Westen“ - im Verlauf des Projekts veränderten. Auf der dritten Stufe steht Bewegung nun ganz im Vordergrund: Mit seinem Blog will er die chinesische Kultur selbst verändern.

Journalisten als Teil des Systems

Voraussetzung für diesen Anspruch war der allmähliche Aufbau eines kommunikativen Geflechts, das ihm relative Unabhängigkeit verschaffte: Es besteht aus Studenten, Regisseuren, Mäzenen, Kuratoren und Politikern. Diese Entwicklung gehorchte keinem vorgefassten Plan. „Ich versuche, mich nicht selbst zu führen“, sagt er: „Ich versuche, Tag für Tag alle Gelegenheiten zu akzeptieren.“ Auch Journalisten, die ihn interviewen wollen, gehören zu seinem System. Sie werden fotografiert und finden sich bisweilen im Blog wieder. Als wir das geräumige Wohnhaus betreten, das er sich selbst im außerhalb gelegenen Stadtteil Caoshangdi gebaut hat, sitzt eine Gruppe von acht Studentinnen aus Schanghai bei ihm, um ihn zu befragen (später wollen sie sich im Hof auch einzeln mit ihm fotografieren lassen). In den letzten zehn Tagen allein hat er vierzehn Interviews gegeben.

Als Ai seinen Blog vor drei Jahren begann, war der für ihn zunächst vor allem ein Spiel mit der Privatheit. Mit Fotos und Texten dokumentierte er seine Katzen, seine Freunde, seine Gesprächspartner, Feste, Essen, Kunstaktionen, Diskussionen, gegenseitiges Haareschneiden und gab damit der Figur, die er in der Öffentlichkeit sein wollte, immer mehr Kontur. Er machte seine Interviews in ausländischen Medien dem chinesischen Publikum zugänglich und schrieb Texte, in denen er immer pointierter zu politischen Themen Stellung nahm. Gegenstand und Rahmen der Einlassungen überschnitten sich zusehends im Thema der Öffentlichkeit, die er für das nach wie vor straff kontrollierte und zensierte China forderte und mit dem Blog selbst herstellte.

Ein politisch motiviertes Verbrechen

Im letzten Jahr wurden aus diesen Meinungsäußerungen Eingriffe. Ai schrieb mehr als siebzig Blogeinträge über den Fall des Arbeitslosen Yang Jia, der in Schanghai sechs Polizisten erschossen hatte, nachdem er Wochen zuvor von Polizisten geschlagen worden war. Ai deutete den Mord als politisch motiviertes Verbrechen, als Widerstand gegen die korrupte und undurchschaubare Staatsgewalt, und kritisierte alles, was ihm intransparent und unfair an dem Prozess erschien, der mit Yangs Hinrichtung endete. Die fortgesetzte Begleitung der Verhandlung durch Ai und den Rechtsanwalt Liu Xiaoyuan machte den Fall in der hiesigen Öffentlichkeit zu einem der am meisten beachteten Ereignisse, während westliche Medien ihn kaum zur Kenntnis nahmen. Ai glaubt, dass die Debatte die Haltung zum Justizsystem dramatisch verändert habe; es sei endlich eine Diskussion darüber in Gang gekommen, wie Untersuchungshäftlinge behandelt werden sollten.

Weitere Themen

Emanzipation im 19. Jahrhundert Video-Seite öffnen

Filmkritik „Little Women“ : Emanzipation im 19. Jahrhundert

Louisa May Alcotts Roman „Little Women“ wurde schon einige Male verfilmt. Jetzt kommt Greta Gerwigs Umsetzung des alten Stoffes in die Kinos. Ursula Scheer verrät, was diese Verfilmungen von ihren Vorgängern unterscheidet.

Topmeldungen

Untersuchungen zum Coronavirus an der Charité Berlin Mitte

Coronavirus : Drei weitere Infizierte in Bayern

Bei drei weiteren Menschen in Bayern wird das Coronavirus nachgewiesen. Wie der erste deutsche Patient sind sie Mitarbeiter der Firma Webasto aus Starnberg, teilt das bayerische Gesundheitsministerium mit.
Trump und Netanjahu im Weißen Haus

Israelische Siedler : Die extreme Rechte ist empört

Einerseits bekommt Netanjahu jetzt Ärger mit innenpolitischen Verbündeten. Andererseits sonnt er sich im Glanze seines Auftritts mit Trump: Noch nie kam Washington Israel so weit entgegen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.