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Kris Martin in Bonn : Kafkas Käfer trifft keine Idioten

  • -Aktualisiert am

In Bonn ist die europaweit erste Museumsausstellung mit Werken von Kris Martin zu sehen. Sie heißt „Every Day of the Weak“. Doch was der belgische Künstler dort zeigt, ist Stärke.

          Eine kleine Biene aus Gold, sie liegt auf dem Rücken, ein Schwert, das viel zu schwer und groß ist, um es anzuheben, ein Heißluftballon, der mit wütendem Gebläse von innen gegen die Museumswände drückt - der belgische Künstler Kris Martin ist ein Sammler und Sezierer, kein Schöpfer. Er schaut dem Treiben zu, beschaut unsere und auch mit Vorliebe seine eigenen Vorstellungen und Erinnerungen, vollzieht präzise Veränderungen an den Dingen, lässt Leerstellen, die der Besucher selbst füllen muss - um uns schließlich die Gesamtheit erkennen zu lassen. Das  Kunstmuseum Bonn zeigt Kris Martins erste umfangreiche Museumsausstellung in Europa, und Kurator Volker Adolphs hat gemeinsam mit dem Künstler eine akkurate, berührende, intelligente Schau zusammengestellt.

          Vor dem Museum schwingt eine mächtige Kirchenglocke. Doch wenn sich das tonnenschwere Ding langsam in Bewegung setzt, bleibt sie vollständig still. Kris Martin hat aus ihr den Klöppel herausnehmen lassen. Einen unheimlichen und gleichzeitig wunderschön-befreiten Anblick bietet dieses schwingende Symbol von Christlichkeit und Gemeinschaft. Es trägt den Titel „For Whom“ - für wen? Und weist damit schon draußen vor der Museumstür darauf hin, was Kris Martin drinnen mit uns vorhat: Im Mittelalter wurde der Idiot „Glocke ohne Klöppel“ genannt.

          Romantische Simulation ferner Bergkreuze

          Unerbittlich seziert Kris Martin die Bedingungen, die uns umgeben, das Kulturgut, das wir kennen. Kafkas „Verwandlung“ hat er vollständig abgeschrieben, allerdings nicht zum Nachlesen für den Besucher, sondern auf einem kleinen Blatt übereinander: Durch die hundertfache Überschreibung bleibt nur eine abstrakte, ausgefranste Zeichnung in einem kleinen goldenen Rahmen - unlesbar, kryptisch, unerklärbar wie die Verwandlung von Gregor Samsa in der Erzählung selbst. Für seine Serie „End-points“ hat er die allerletzten Punkte aus Büchern entfernt und aufgeklebt. In diesem unbeholfen ausgeschnittenen Satzzeichen sammelt sich eine Erfahrung: der gefühlte Augenblick, wenn ein Buch ausgelesen ist, darunter auch Dostojewskis „Der Idiot“. Das Motiv zieht sich durch das gesamte Werk von Kris Martin: So lesen wir bei genauer Betrachtung in der Maserung einer Reihe von Steinen, die man an Stränden sammelt: „I am not an idiot.“

          Doch nicht nur solche kleinen Denkspiele benutzt Kris Martin für seine Eingriffe im Museum. Hoch ragen tonnenschwere Sandsteinfelsen in einem Raum, bis knapp über die Köpfe der Besucher. Aus der Ferne bieten sie ein Déjà-vu-Kunstwerk à la Beuys, doch schaut man hinauf zu ihren nahen Gipfeln, erkennt man dort klitzekleine Kreuze, die unendliche Blicke in die Ferne simulieren. Der Romantiker Kris Martin schickt uns hinauf auf den steilsten Berg, hinein in die schönsten Gemälde von Caspar David Friedrich und formuliert gleichzeitig die Bedrohung der unüberschaubaren Naturgewalt.

          Täuschung gefolgt von Erkenntnis

          Nach so viel Rückschau beschleunigt sich wieder die Zeit: Wir huschen an einem wenige Zentimeter schmalen Spiegel vorbei. Daneben hängt eine alte, analoge Fotografie. In düsterem Schwarzweiß sehen wir einen Mann von hinten, der eine dunkle Gasse entlanggeht; wir blicken ihm nach. Vier weitere Fotos folgen: Wieder ist der Schattenmann zu sehen, wir spüren seinen Gang, erwarten hinter der dunklen Ecke andere Passanten, meinen die Abfolge schon zu erkennen, bevor wir bemerken müssen, dass nichts, aber auch gar nichts auf diesen Bildern geschieht. Sie sind alle fünf identisch. Kris Martins Kunst benutzt hier das mit Geschichte aufgeladene Fundstück, dem ein reales Ereignis eingeschrieben ist, spielt mit dem Zeiterleben, staucht es zusammen, zieht es in die Länge.

          Seine Kunst bietet stets einen kleinen Twist, wie auch beim goldschimmernden Schatz, der zu einem Haufen gestapelt ist: Es sind goldene Vasen, herrlich verziert, doch dann entdeckt man, dass es ursprünglich riesenhafte Patronenhülsen sind, die von Soldaten im Ersten Weltkrieg verschönert wurden - als Erinnerungsstücke. Kris Martin verbindet Schönheit und Schrecken mit einem beeindruckenden Gespür für sein künstlerisches Material. Er geht dabei wie ein Trompe-l’OEil-Maler vor: Er simuliert, er täuscht, und er bietet uns schließlich Erkenntnis an.

          Nur an wenigen Stellen erscheint die Ausstellung etwas zu glatt, wenn zum Beispiel sein sieben Meter langes Schwert aus Bronze und Stahl in seiner perfekten Ausführung glänzt. Doch ist auch dieses Trompe-l’OEil heimtückisch, denn es geht in der Ausstellung überall um die menschliche Existenz. Und die ist nie ohne eine gewisse Fallhöhe zu erleben. Und so ist die Ausstellung ein Muss für die, die an die Grundkräfte der zeitgenössischen Kunst glauben: Findungsreichtum und Präzision. Das Gemisch bringt dann eine Kunst hervor, die Gewicht hat. Beliebigkeit kennt Kris Martins Werk nicht.

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