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Krieg in der Kunst : Konventionen unter Beschuss

  • -Aktualisiert am

Fast überall ist Krieg, doch die Virtualität hält ihn uns recht gut vom Leib. Die Ausstellung „Serious Games“ auf der Darmstädter Mathildenhöhe bringt die Vorstellungskraft wieder auf die Höhe der Zeit.

          Jüngst waren sie wieder in den Nachrichten zu sehen, Fadenkreuz-Aufnahmen von Bordkameras, die militärische Ziele anvisieren; dann der punktgenaue, stumme Treffer, ein Triumph der Geschicklichkeit. Gibt es eigentlich, Thomas de Quincey eingedenk, eine Kunst des schönen Bombardierens?

          Diese Frage wird auf Darmstadts Mathildenhöhe derzeit nicht gestellt, dafür aber so gut wie jede andere, die mit der Konvergenz von Spiel und Ernst in den Simulationen der medialen Moderne zu tun hat. Die Kunst allerdings hat in der von Antje Ehmann und dem Künstler Harun Farocki kuratierten, überzeugenden Ausstellung „Serious Games. Krieg - Medien - Kunst“ vor allem die ehrbare Aufgabe, den scheinbar in die Virtualität sich verflüchtigenden Krieg wieder sichtbar zu machen.

          Er lauert überall, das zeigt schon der blutrot leuchtende Globus von Ingo Günther im Eingangsbereich, der nur vereinzelt weiße Flecken aufweist: die wenigen Länder wie Irland und Brasilien, die seit 1945 nicht in militärische Konflikte involviert waren. Und er kennt nur einen Sieger: die Kriegsindustrie. Sie jubelt, wenn ein Diktator mit Waffen ausgestattet wird, sie jubelt, wenn überlegenes Gerät gegen ihn eingesetzt wird, und sie jubelt, wenn die Gegenseite mit Waffen bestückt wird.

          „Die humanitäre Rechtfertigung von Kriegen (etwa zur Absetzung eines Despoten, um Menschenrechten Geltung zu verschaffen) wäre paradoxerweise wieder ein Ausweg für den Krieg“, konstatieren die Kuratoren in dem als Stimmensammlung organisierten Katalog. Kann eine Ausstellung zu aktuell sein? Ein wenig hat man in Darmstadt diese Befürchtung, sosehr man das gigantische Medieninteresse schätzt. Es handele sich, heißt es, bei dem anderthalb Jahre lang konzipierten Projekt nicht um einen Kommentar zum Libyen-Einsatz.

          Harun Farocki lässt den Betrachter denken

          In der Tat, es geht um mehr, nämlich um die erstaunlichen ästhetischen Überlagerungen zwischen neuer Kriegs- und neuer Lebensführung. Harun Farocki, der sich schon lange mit den Bildern des Krieges beschäftigt und dessen jüngster Zyklus „Serious Games I bis IV“ das Zentrum der Ausstellung bildet, hat sich diesem Komplex keineswegs als Erster genähert.

          Doch während in der Kulturwissenschaft von Baudrillard und Virilio bis zu Kittler und Weibel technisch-apokalyptische Phantasmen vorherrschen, beschränkt sich Farocki auf das nüchterne Abbilden der Virtualisierung von Realität. Schlussfolgerungen überlässt er dem Betrachter.

          Spare auch am virtuellen Schatten!

          Die beiden ersten Teile des Zyklus, auf dem kalifornischen Marinestützpunkt 29 Palms gefilmt, sind der Vorbereitung des Militäreinsatzes gewidmet. Wir sehen Marines einen virtuellen Panzer durch Afghanistan steuern, ununterscheidbar von einem kommerziellen Computerspiel.

          Die reale Übung in einer Kulissenstadt wiederum wirkt wie ein in die Realität übersetztes Computerspiel inklusive reduzierter Tiefenwirklichkeit. Dass die Soldaten auch nach dem Einsatz nicht aus der Sphäre der Simulationen entlassen werden, demonstrieren die übrigen Teile des Zyklus, in denen unter anderem der Einsatz von Computerspielen zur Traumabewältigung dokumentiert ist.

          Weil es dabei preiswerter zugehen musste als vor dem Einsatz, hat das amerikanische Militär auf die Programmierung von Schatten verzichtet, was dem Künstler den trefflichen Titel „Eine Sonne ohne Schatten“ bescherte.

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