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Werkstatt für Fotografie : Als die Bilder den Aufstand probten

Es ist kaum bekannt, wie viel die deutsche Autorenfotografie der legendären Kreuzberger „Werkstatt für Photographie“ verdankt. Jetzt arbeiten drei Ausstellungen in Essen, Hannover und Berlin ihr Erbe auf.

          5 Min.

          Bei künstlerischer Fotografie aus Deutschland denkt man heute meist an die kühle, dokumentarische Tradition der Düsseldorfer Photoschule – die grauen Aufnahmen von Hochöfen, Fabrikhallen und Getreidesilos von Bernd und Hilla Becher und die Fotos ihrer Schüler: Thomas Struths nüchterne Stadtlandschaften, Candida Höfers akribisch ausgeleuchtete Bibliotheken und Theatersäle und Andreas Gurskys monumentale, digital manipulierte Tafelbilder.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vor dreißig Jahren aber, als die Fotokunst gerade erst dabei war, sich in Museen und auf dem Kunstmarkt zu etablieren, war die Vormachtstellung Düsseldorfs alles andere als ausgemacht. Deutsche Fotografie trat mit rebellischer Härte auf, betonte den subjektiven Blick, warf sich hitzig ins Geschehen, wählte den Ausschnitt statt des Überblicks und provozierte mit exzentrischer Körperlichkeit. Drastisch gesagt: Sie hatte „etwas von der fiebrigen, halluzinatorischen Vehemenz eines Schwerkranken“, wie die „Washington Times“ 1984 anlässlich der Ausstellung „Fotografie aus Berlin“ bei Castelli Graphics in New York befand.

          Ziemlich so wie Wolfgang Tillmans

          Diese Fotografie ist jetzt in gleich drei Ausstellungen wiederzuentdecken, die am Wochenende eröffneten: im Museum Folkwang in Essen, im Sprengel Museum Hannover und bei C/O Berlin im Amerikahaus – und damit in drei Städten, die bis Ende der achtziger Jahre eine zentrale Achse der Fotografiedebatten bildeten. Es ist eine wichtige, lohnende und lange überfällige Vervollständigung der Fotografiegeschichte.

          Schon mal von Andreas Horlitz gehört? In Essen ist seine Serie „Essen, Frühling“ von 1981 zu sehen, für die er nächtliche Stadtszenen mit abfotografierten Fernsehbildern kombinierte. Sie sieht so scharf und heutig aus, dass man sich fragt, warum sich seine Spur in Lichtskulpturen im öffentlichen Raum verlor, bevor er in diesem Jahr in München verstarb.

          Aus der Reihe „Patrick, Boris und Tobias“ von Schmidt-Assistent Wolfgang Eilmes, heute Redaktionsfotograf dieser Zeitung. Kreuzberg 1979. Bilderstrecke

          Oder Volker Heinze? Der Absolvent der Essener Gesamthochschule war in den Achtzigern in wichtigen Ausstellungen wie „Reste des Authentischen“ am Folkwang vertreten, wo er eine nun wieder installierte Wandarbeit zeigte, die schnappschusshafte Motive ohne Rahmen in ziemlich genau jener Art über die Wand verstreut, für die später Wolfgang Tillmans berühmt wurde. Die Gemeinsamkeit von Horlitz und Heinze: Beide besuchten die legendären Seminare des Berliners Michael Schmidt an der Gesamthochschule Essen. Schmidt ist die zentrale Figur dieser Geschichte der Internationalisierung der deutschen Fotografie.

          Haltung annehmen, der Schmidt ist da

          Wer vor 1989 in amerikanischen Fotokreisen von Deutschland sprach, meinte in der Regel Berlin. William Eggleston, Stephen Shore, Larry Fink und sogar Robert Frank reisten für Ausstellungen und Seminare an die „Werkstatt für Photographie“, die sich 1976 an der Kreuzberger Volkshochschule gegründet hatte. In deren Mittelpunkt stand als Lehrer der Autodidakt Schmidt, der für seine messerscharfen grauen Bildserien zwar schon 1988 und 1996 im New Yorker MoMA geehrt wurde, aber erst kurz vor seinem verfrühten Tod vor zwei Jahren allmählich die internationale Anerkennung bekam, die ihm zusteht. Bei C/O ist seine frühe Serie „Berlin-Wedding. Stadtlandschaft und Menschen“ von 1978 wiederzusehen, die zeigt, was Schmidts Fotokunst besonders macht: Alle Motive, egal ob Mensch, Markise oder Straßenschild, erscheinen konzentriert und bis aufs Äußerste gespannt, als dächten sie: Haltung annehmen, der Schmidt ist da.

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