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Konzeptkunst in Dresden : Brief an die Zukunft

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Mit der Lizenz zur Vermessung der Welt: Das Dresdner Albertinum zeigt die bestechenden Bildrecherchen der Konzeptkünstlerin Taryn Simon.

          Wer hätte gedacht, dass in den 24 James-Bond-Filmen 331 Vögel auftauchen? Und wer macht sich die Mühe, sie zu zählen, in Einzelbildern fotografisch festzuhalten und nach deren fiktiven Sichtungsorten zu klassifizieren und kategorisieren?

          Ian Fleming, selbst begeisterter Vogelbeobachter, hat seine Romanfigur bekanntlich nach einem Ornithologen benannt. Beide, den fiktiven Spion und sein reales Vorbild, stellt die amerikanische Konzeptkünstlerin Taryn Simon in ihrer Arbeit „Field Guide to the Birds of the West Indies“ von 2014 gegenüber: In Schaukästen liegen Fotografien der gesammelten und erlegten gefiederten Tiere neben Briefen und Landkarten des echten Bonds, während an der Wand Simons eigene ornithologische Entdeckungen hängen: Jeder Vogel wurde nach Zeitpunkt und Ort seiner Erscheinung sowie dem Jahr, in dem er durch einen Bond-Film flog, fotografisch festgehalten. In den Hollywoodproduktionen sind Vögel der einzige Parameter, der nicht kontrollierbar war; dem Vogelbeobachter dienen sie wiederum als Trophäen.

          Neun Meter lange Korrespondenzen

          Taryn Simon ist keine Unbekannte mehr. Mit zahlreichen internationalen Ausstellungen wie 2015 auf der Biennale in Venedig, 2012 im MoMA in New York oder 2011 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin erregt die in New York lebende Fotografin viel Aufmerksamkeit. Nun zeigen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden eine lohnenswerte Überblicksschau mit acht Installationen. Sie beginnt mit der Arbeit „The Picture Collection“ von 2013. In achtzehn riesigen Rahmen sind Motive aus dem 1915 eingerichteten Bildarchiv der New Yorker Stadtbibliothek collagiert, der weltweit größten Leihbibliothek für Bilder.

          Taryn Simon in ihrer Ausstellung "A Soldier is Taught to Bayonet the Enemy and not Some Undefined Abstraction". Bilderstrecke

          In rund 12.000 Ordnern lagern noch heute mehr als 1,29 Millionen Abzüge, die einst für Werbezwecke, Bildrecherchen und Kunst genutzt wurden. Diego Rivera zog die Sammlung für sein Wandgemälde im Rockefeller Center heran, Andy Warhol bediente sich vor allem bei den zahlreichen archivierten Werbebildern. Ergänzt durch eine neun Meter lange Vitrine mit Korrespondenz zu Bildanfragen entfaltet die Installation Archiv-Charme.

          Das Simonsche Ordnungsprinzip

          Einen Gegenpol bildet die Videoarbeit „Image Atlas“. Bereits 2012 entwickelte Simon zusammen mit dem Programmierer Aaron Swartz einen Algorithmus, der die höchst unterschiedlichen Bilder nebeneinanderstellt, die lokale Suchmaschinen aus 57 Ländern für ein und denselben Begriff ausgeben. In beiden Arbeiten beschäftigt sich Simon mit der Möglichkeit einer universellen visuellen Sprache, zeigt aber gleichzeitig auf, dass weder Suchmaschinen noch die im Verborgenen sammelnden Hände einen neutralen Blick garantieren können.

          Drei Jahre nachdem Simon zum ersten Mal in der Zoll-Sammelstelle des Kennedy-Flughafens fotografierte, kehrte sie für die Werkserie „Contraband“ (2010) zurück und campierte dort fünf Tage lang auf einer Luftmatratze, um die beschlagnahmten und sichergestellten Waren zu fotografieren. Insgesamt 1075 Objekte kamen ihr vor die Linse: Von Wurzeln und Blumenzwiebeln über Würste hin zu Samen und sexuellen Stimulanzen – ein Sammelsurium des Verbotenen, nach willkürlichen, Simonschen Ordnungsprinzipien in kleinen Plexiglasvitrinen an der Wand des Salzgassenflügels des Albertinums sortiert. Die wenigsten der Gegenstände sind Waffen oder giftige Substanzen, von denen man erwarten würde, dass sie verboten sind, eher finden sich gefälschte Luxusgüter, Lebensmittel und Raubkopien.

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