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Komische Kunst : Der Phantomschmerz des Hutmachers

Vor Weltschmerz wehklagende Hunde, geruchsempfindliche Krokodile und apokalyptische Handykosten: Mit Bernd Pfarr und Hans Traxler präsentiert das Wilhelm-Busch-Museum Hannover zwei doppelt urkomische Künstler.

          4 Min.

          Ein vernunftbegabter Hund? Das muß ja wohl eine Comicfigur sein. "Komische Kunst" heißt schließlich die Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum, in der Purzels Kant-Krise dokumentiert wird. "Als Purzel gewahr wurde, wie wenig er im Leben bislang gemäß Kants kategorischem Imperativ gehandelt hatte, überkam ihn großes Wehklagen." Das vom Gewissensblitz getroffene Tier sitzt auf der Straße, die Vorderpfoten aufgestützt, die Hinterpfoten von sich gestreckt. Weit aufgerissen die Schnauze, die so lang ist wie die des großen bösen Wolfs und noch mehr Zähne sehen läßt. Und diesem Weltrachen entringt sich Klagen, das zum Himmel dringt. Purzel schreit. Er schreit sich die Seele aus dem Leib, so er denn eine hat, und die Zunge, die er ganz gewiß hat. Wir sehen sie zartrot ausgestreckt, das empfindsamste Stück Hundehaut, das Purzel die ganze Bitterkeit eines vernunftwidrigen Daseins spüren läßt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          So weit, so komisch oder jedenfalls so comisch. Aber was hat der Hund denn nun zu sagen beziehungsweise zu schreien? Wären Purzels wunderbare Abenteuer eine Comicgeschichte, dann stieße die Zungenspitze einen Keil von sich, der sich zu einem Ballon weitete, auf dessen weißer Oberfläche die Klage in Schriftform niedergelegt wäre. "O Verzweiflung! O dräuend Ungemach!" stünde da zu lesen oder "Verloren bin ich, ganz verloren!" In der Welt der Gemälde von Bernd Pfarr müßte lauter noch als Purzel Peter Sloterdijk klagen, denn sie ist eine blasenlose. Pfarr ist ein begnadeter Comiczeichner, aber er hat immer schon davon geträumt, alle Ballons platzen zu lassen.

          Mein Zoowärter stinkt

          Überlassen wir für einen Moment Purzel seinem Weltschmerz und betrachten wir auf einem anderen Bild Hektor, das Krokodil, das gleichfalls Klage führt, über die vom Personal des Exotariums ausgehende Geruchsbelästigung. Und wie klagt Hektor, den schon sein Name als einen heroischen Charakter ausweist? Trägt er etwa eine krokodilstränenförmige Sprechblase des Inhalts "Mein Zoowärter stinkt!" vor sich her? Nein, er hat diese Wörter säuberlich auf ein Plakat geschrieben und macht von seinem Demonstrationsrecht Gebrauch, ohne den Mitgeschöpfen mit seinem Protest in den Ohren zu liegen. Daß Hektor die Lärmbelästigung vermeidet, offenbart die moralische Distanz zwischen dem Reptil und dem zweibeinigen Aufpasser, der die Gefängnisluft verpestet.

          Wort und Bild illustrieren einander wechselseitig und stehen sich in jener Distanz gegenüber, die aus der Intimität erwächst, wie alte Eheleute. Ein gewisser altmodischer Ton verbindet den Dichter und den Maler, jene dezente Umständlichkeit, die auch Pfarrs berühmtestem Sohn eigen ist, Sondermann, dem Lebenskünstler mit Sinn für korrekte Kleidung. Purzel sah nicht einfach, wie mickrig sein Leben im Lichte des bestirnten Himmels aussah, sondern wurde dieses Umstands gewahr. Daß die Lippen, die bei Laokoon halb geschlossen sind, sich himmelweit öffnen, wirkt deshalb nicht geschmacklos, weil Pfarr die leidende Kreatur ins Tierfell steckt.

          Augenblick der Menschwerdung

          Der einzige unartikulierte Aufschrei des von der Kette gelassenen Selbstdenkers bleibt ohne Übersetzung oder Antwort. Kein Kamerad, der ins Geheul von den schlechten Zeiten einstimmen könnte. Purzel sieht nicht, daß wir ihn sehen. Vernunftbegabt heißt nicht vernünftig: Wer sich für vernünftig hält, hat sein Talent verschleudert. Pfarr hat den Augenblick der Menschwerdung ins Bild gefaßt, deren Gelingen beim Menschen selbst nicht weniger zweifelhaft ist als bei seinem besten Freund: Jeder, der sich dem Sittengesetz unterwirft, gelangt zu der schrecklichen Einsicht, daß womöglich noch nie eine Handlung dem kategorischen Imperativ gemäß war, also aus Pflicht geschah. Warum ist das komisch? Weil uns das Jaulen im Halse steckenbleibt. Aber was hat das noch mit Comics zu tun?

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