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Kolumne „Bild der Woche“ : Der alte Mann und das Spielzeug

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Aus dem „Old Men's Toy Shop Album“ von Jessie Tarbox Beals: „Old Men’s Toy Shop“ (circa 1913-1916). Rare Book and Manuscript Library, Columbia University, Community Service Society Collection. Bild: Jessie Tarbox Beals

Jessie Tarbox Beals war eine der ersten Nachrichtenfotografinnen der Vereinigten Staaten. Sie porträtierte Prominente, reiste durchs Land und spürte William G. auf – in einer Spielzeugwerkstatt.

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          Dieser alte Mann sieht wie erleuchtet aus, als würde er etwas Sakrales in der Hand haben und etwas Sakrales tun. Er hält aber eine Ente aus Holz, weiß bemalt. Zart und behutsam hält er sie, als wäre sie lebendig, als würde er schon das Kind vor sich sehen, das diese Ente zum Geschenk bekommt. Und er lächelt dieser zukünftigen Freude entgegen, die aus seinen Händen noch nicht verflogen ist. Er malt die letzten Striche am Schnabel, und dann ist die engelhafte Ente fertig. Wie ein Zauberer steht er in seiner Spielzeugwelt, alle seine Pferde im Schrank.

          Ich weiß nicht, wem sein Lächeln, seine Ausstrahlung gilt, die auch uns jetzt erreicht. Mit einem solchen Gesicht hätte er zu den Mimen oder Schauspielern der Stummfilmzeit gehören können. William G. arbeitet aber im „Old Men’s Toy Shop“ zusammen mit anderen Männern, die behindert oder alt sind. Für sie ist diese Arbeit eine Rettung, sonst wären sie auf der Straße oder in der gefürchteten Altenanstalt für die Bettelarmen gelandet. William ist einer der jüngsten hier. Vielleicht ist er gerade eingeschüchtert: Arme Menschen werden nicht so häufig fotografiert. Und schon gar nicht von einer Frau.

          Wohl kaum hat er gewusst, wie bekannt die Fotografin Jessie Tarbox Beals war, die ihm gegenüberstand. Sie hatte zahlreiche Berühmtheiten fotografiert und war Anfang des 20. Jahrhunderts eine der ersten Nachrichtenfotografinnen. Sie machte Reportagen und reiste kreuz und quer durchs Land, als die meisten Frauen, die diesen neuen Beruf erforschten, sich noch der Porträt- und Hausfotografie widmeten.

          Beals war wild und scheute weder Muskelkraft noch Tricks, wenn es darum ging, einen Auftrag zu übernehmen. Sie setzte sich durch, bekam Exklusivverträge, und ihren Namen merkte man sich spätestens, als sie Sir Thomas Lipton, den Erfinder des Teebeutels, fotografierte oder als sie bei der Weltausstellung von St. Louis Präsident Theodore Roosevelt mit der Kamera verfolgte. Sie hat immer versucht, ganze fotografische Narrative anstatt nur eines einzelnen Bildes zu verkaufen und zu publizieren.

          Ihr Drang nach Aktualität führte sie in die Mietskasernen oder in diesen Spielzeugladen. Das Gegenüber mit William G. kam im Auftrag der Vereinigung zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Armen zustande. Diese Vereinigung verstand Fotografie als Hebel für soziale Reformen. Beals dokumentierte für sie das Leben der armen Männer. Zusammen mit Beschreibungen, Analysen und Diagrammen wurden die Fotos als „empirische Daten“ betrachtet, auf deren Basis die Lebensumstände der Armen verbessert werden sollten.

          Diese Fotoberichte wurden in Fachzeitschriften für Sozialarbeiter publiziert und in Jahresberichten für ein breiteres Publikum, um damit für mehr Wohltätigkeit zu werben. „Keine Versöhnung, kein Frieden – Krieg der Krankheit und der Armut“, hieß es militant im Slogan der Vereinigung. Die Armenhilfe war in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts gegründet worden, als Antwort auf die Immigrationswelle, und war mit ihren zahlreichen Initiativen in Gesundheitswesen, Bildung und sozialem Dienst – Mittagessen für alle Schüler, Grundlagen der Sozialversicherung und sogar die Existenz des Central Parks als sanitärer Notwendigkeit – eine der größten Wohltätigkeitsinstitutionen von New York.

          Die soziale Fotografie, so wie dieses Foto, diente der Unterfütterung ihrer reformistischen Visionen. Diese beinahe naive Einstellung zur Funktion von Fotografie wird erst später von Politik und Wirtschaft ausgenutzt. Die Spielzeugwerkstatt, in der William G. arbeitete, war eine soziale Einrichtung, in der Kirche, Mäzene und Mittelklasse sich zusammenfanden, um denjenigen eine würdige Arbeit zu verschaffen, die vom Markt ausgespuckt worden waren.

          Süßes Bild, ernüchternde Beschreibung

          Zum süßen Bild gehörte eine ernüchternde Beschreibung, die Raum für weitere soziale Taten eröffnen sollte. Der strahlende William verdiente in diesem Laden drei Dollar pro Woche, zahlte davon 2,50 Dollar für sein Zimmer und hatte für sich und seine kranke Frau nur 50 Cent übrig. Er lief deshalb immer zu Fuß, um Geld zu sparen, und nahm einen Teil seines Essens, das im Laden an die Alten verteilt wurde, für seine Frau mit. Im Winter heizte er sein Zimmer mit dem Holz, das von der Spielzeugproduktion übrig blieb.

          Das helle Bild ist aber nicht verlogen, den ausgestoßenen alten Männern wird geholfen, und so schnitzten sie Spielzeuge nach Mustern, bemalten sie und produzierten sogar A BOX OF HAPPINESS FOR THE KIDDIES. Und wenn man sich erneut sein Gesicht anschaut, das plötzlich dieser Ente ähnlich sieht, und die fünf kurvigen Linien auf der Ente, die die Finger von William wiederholen, wird man wirklich an die Vision glauben wollen, dass alles in der menschlichen Hand liegt.

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