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Kölner Stadtarchiv : Der Preis der U-Bahn

An der Einsturzstelle des Kölner Stadtarchivs ist der Abriss der benachbarten Häuserruinen seit dem frühen Donnerstagmorgen in vollem Gange. Die Suche nach den beiden Vermissten hält an. Unterdessen wird deutlich: Viele der Schätze des größten Kommunalarchivs nördlich der Alpen sind zerstört oder stark gefährdet.

          Was der Einmarsch der Franzosen 1794 und der Zweite Weltkrieg nicht vollbracht haben, hat der U-Bahn-Bau in Köln, der mit großer Wahrscheinlichkeit die Ursache für den Einsturz des Hauses Severinstraße 222–228 ist, geschafft: Das Historische Archiv der Stadt, in dem mehr als tausend Jahre ihrer Geschichte aufbewahrt wurden, ist weitgehend zerstört, das Gedächtnis des Gemeinwesens ausgelöscht. Was davon gerettet und aus den Trümmern geborgen werden kann, ist noch unklar, doch vermag brüchiges Pergament Beton und Stahl wenig entgegenzusetzen. Nicht zuletzt wird es auf das Wetter ankommen, für die kommenden Tage sind erhebliche Regenfälle angekündigt worden, und das Archivmaterial ist bislang nur durch Planen vor eindringendem Wasser geschützt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Aussage seiner Fassade schien eindeutig, beruhigend: Was in diesem Haus verwahrt wird, ist sicher; ist geschützt vor den Einwirkungen des Lichts und des Klimas, vor Brand und Diebstahl, wird erhalten für alle Zeit. Fenster hatte das Gebäude in der Nähe des Waidmarkts nur im Erdgeschoss, in den sechs Stockwerken darüber gliederten schießschartenschmale Öffnungen die vorgehängten Granitplatten und gaben ihm die Anmutung eines Bunkers. Dabei war der moderne Zweckbau, 1970/71 im Stil der Zeit errichtet, ein Schatzhaus, auch wenn er nichts davon hermachte: Vorbild für andere Archivbauten, die nach dem „Kölner Modell“ errichtet wurden. Eine doppelte Ziegelmauer sorgte für natürliche Klimatisierung, die Alarmanlage war auf dem neuesten Stand, und die Feuerwehr liegt gleich um die Ecke.

          Der größte anzunehmende Unfall

          Und nun das – der größte anzunehmende Unfall. Unfassbar, nicht zu fassen, und das im wörtlichen Sinn: Die meisten Originale wird nie mehr jemand in die Hände nehmen können. Welch unglaublicher Tribut an den technischen Fortschritt, welch horrender Preis für ein U-Bahn-Bauprojekt, das zwischen Hauptbahnhof und Chlodwigplatz 28 Meter in die Tiefe geht und von Anfang an umstritten war. Zunächst auf 630 Millionen veranschlagt, ist es längst aus dem Kostenrahmen gelaufen und wird inzwischen auf 950 Millionen Euro kalkuliert. Schon im September 2004 hatte es, was sich nun wie ein Menetekel ausnimmt, den Kirchturm von St. Johann Baptist, zweihundert Meter südlich des Archivs, in Schieflage versetzt, zwei Monate später eine Sperrung von St. Maria im Kapitol erzwungen und im Juli 2007 im Turmkeller des Rathauses, wo viele Kölner sich trauen lassen, den Boden gesenkt. Auch die kleine, nördlich des Archivs gelegene romanische Kirche St. Georg ist in Mitleidenschaft gezogen: Kleinigkeiten im Vergleich zu dieser Katastrophe, die großartige Spenden von Bürgern, Künstlern und Institutionen liquidiert und die Arbeit mehrerer Generationen von Archivaren durchstreicht.

          Das Historische Archiv der Stadt Köln galt lange als das Flaggschiff unter den Kommunalarchiven in Deutschland, und das nicht nur, weil es eines der ältesten und das größte nördlich der Alpen war. Erstmals erwähnt wird es 1322, da hat es noch Platz in einer Kiste. Schon 1406 wird ein Gewölbe unter dem Rathausturm dafür bestimmt, zwei Jahre später werden vierunddreißig Abteilungen angelegt. Schriftgut aus achthundert Jahren war hier gespeichert und bildete das Rückgrat der verwahrten Überlieferung: Beschlüsse des Stadtrats sind seit 1320, zunächst nur die bedeutenderen, von 1513 an lückenlos, protokolliert; Stadtrechnungen sind seit 1370 erhalten, und 1367 beginnt die Reihe der 221 Briefbücher, die die Schreiben an andere Städte, Fürsten und Herren enthält.

          Stolz auf die Geschichte

          Allein die Zahl der Pergamenturkunden beläuft sich auf 65.000, die der Karten und Pläne auf mehr als hunderttausend, die der Fotos auf eine Million. Von dem Stolz auf diese Geschichte zeugt der neugotische Palazzo, der 1897 errichtet wurde. Den Bombenkrieg hat er zwar überstanden, doch waren seine Kriegsschäden größer als zunächst angenommen, und so wurde er für den Funktionsbau aufgegeben, der mit dreißig Regalkilometern auf dreißig Jahre ausgelegt war. Schon länger platzte er aus allen Nähten, doch wurde die Statik des Hauses, das nur über ein Kellergeschoss verfügt, als stabil genug beurteilt, um eine Aufstockung zu erwägen.

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