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Köln zeigt den Trabanten : Tulemond und Mondamin

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Er bestand schon mal aus grünem Käse, galt als „befleckt“ und wurde seiner Magie kurzfristig von Apollo 11 beraubt. Doch je perfekter die wissenschaftlichen Bilder, umso verspielter die Kunst: eine großartige Ausstellung über den Mond in Köln.

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          Was ist der Mond? Ein Körper, ein Gesicht, ein Trabant, eine Droge, angeheult von Werwölfen und Literaten. In erster Linie aber ist er ein Medium, das Urbild aller Medien sogar, und doch in der Medientheorie kaum präsent. Nicht einmal Vielfraß Marshall McLuhan, der 1964 Medien in kalte und heiße einteilte, als stehe er am Büffet, interessierte sich für jenen himmlischen Mittler, obwohl doch seit 1903 im New Yorker „Lunar Park“ zu sehen war, dass der Mond aus grünem Käse bestand. Endgültig seiner Magie verlustig gegangen scheint unser treuer Begleiter aber vor vierzig Jahren, als Apollo 11 im grauen Staub des Meeres der Stille aufsetzte.

          Ganz anders jedoch die Reputation des Mondes in der Tradition: Das Christentum erkannte in ihm, der so rein das Licht der Sonne reflektierte, ganz selbstverständlich ein Medium, identifizierte ihn daher mit der Mutter Gottes. Zugleich erhielt sich allerdings die archaische Dialektik des guten Tages- und boshaften Nachtlichts, welche im konkurrierenden Bildtypus der Mondsichel-Maria ihren Ausdruck fand. Mit Bezugnahme auf eine Stelle der Johannes-Apokalypse drückt die Jungfrau den Mond hier mit den Füßen zu Boden.

          Der Mond war „befleckt“

          Solche Ikonographien aus der vormodernen Epoche – darunter ein eleganter, beide Bildtypen einander annähernder Dürer-Holzschnitt, auf dem die Mondsichel fast einen Kreis beschreibt – stehen am Beginn der großartigen Kölner Ausstellung „Der Mond“, die der Direktor des Wallraf-Richartz-Museums, Andreas Blühm, kuratiert hat. Im weltlichen Bereich hatte sich der veränderliche Mond derweil als Symbol für die Unbeständigkeit etabliert. Auch dafür hält die Ausstellung mit Abraham Janssens barbusiger „Incostanza“ (ca. 1617) ein eindrückliches Beispiel parat.

          Mit diesem Widerspruch kam die Theologie zurecht. Einen veritablen Schock aber stellte jene Entdeckung Galileo Galileis dar, der vor nunmehr vierhundert Jahren zwar nicht als Erster, aber doch mit dem größten Erfolg das Teleskop auf den Trabanten richtete: Der Mond war „befleckt“, keineswegs jungfräulich rein, sondern von Kratern übersät. Galileis bahnbrechender „Sternenbote“ (1610) wird gleich in mehreren Ausgaben präsentiert. Enttäuschend ist allerdings, was der ansonsten sehr verdienstvolle Begleitband als „Neues über ‚Sidereus Nuncius’“ durch den Galilei-Experten Horst Bredekamp ankündigt. Der Erkenntniswert des dürren Kommentars zur Druckgeschichte erschöpft sich darin, „dass so gut wie jeder Druck eine individuelle gestaltete Form aufweist“.

          „Schläferiger als die Schlafmäuse“

          Für eine gewisse Periode nach Erfindung des Fernrohrs überwog die Faszination des Realen. Zahlreiche Künstler versuchten sich um 1650 an Mondkarten, deren Genauigkeit zu erstaunen vermag. Es ragen die Stiche von Claude Mellan und Johannes Hevelius heraus. Schon im achtzehnten Jahrhundert aber kehrte der kraterlose Effekt-Mond zurück, was nicht nur vier Gemälde von Joseph Wright of Derby stimmungsvoll belegen. Doch was dann begann, kann nur als Mondsucht bezeichnet werden.

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